Montanha (Filmfest München 2016)

Regisseur und Drehbuchautor Joao Salaviza hängt hier möglicherweise etwas romantisierend-nostalgisch dem Coming-of-Age nach, aber: portugiesisch-gefühlvoll-mild-schön.

David ist bald 15, wie er sagt. Faktisch Straßenjunge. In der Schule war er lange nicht mehr. Er hängt ab mit seinem etwas älteren Freund Rafa und mit der etwa gleichaltrigen Paulinha, in die er sich bald verliebt. Mit Rafa klauen sie auch mal ein Motorrad.

Das Milieu in dem Joao Salaviza seinen Film ansiedelt, dürfte nicht unbedingt ein sozial intaktes genannt werden, es ist jenes anonymer Hochhausvororte. Es ist auch nicht unbedingt ein intellektuelles oder gesprächsintensives zu nennen.

Ein kleiner Plausch von David und Rafa an einem Brückengeländer, bei dem sie sich über eine Todesanzeige lustig machen, ist die sprudelnde Ausnahme. Die Tote haben sie nicht gekannt, mokieren sich über die lügenhaften Trauerworte des Todesanzeigentextes. Die Frau hat sich vom 8. Stock gestürzt. David hat sie eine Stunde später gesehen. Rafa möchte wissen, ob er es denn nicht gehört habe, wie sie aufgeprallt sei. Das versteht David grad gar nicht, wie denn auch.

Sie hängen ab im Autoscooter. Oder sie hängen rum zuhause, spielen mit einer Katze, grad so, das Rumhängen wird subtil, tatenlos, ohne jede Übertreibung inszeniert. Der Regisseur horcht tief in die Atmosphäre des Coming-of-Age hinein, weiß, dass es nicht unbedingt, wie so oft in diesen Filmen, nur übertönende Hektik und Lautstärke sein muss; dass es durchaus ein Erwarten sein kann, als ob es von selber kommen müsse, was sich im Leben eben gerade ankündigt.

Vielleicht hängt der Filmemacher auch etwas schönfärberisch diesem delikaten Zeitpunkt im Leben eines Menschen nach, versucht ihn in anderem Milieu, in filmergiebigem Milieu zu evozieren, auch mit dem Hauch einer verlorenen Welt, einer vergessenen Welt. Das ergibt diesen Reiz besonders malerischer Bilder. Aesthetik der Vernächlässigtheit, der Verlorenheit.

Gleich zu Beginn des Filmes lenkt der Regisseur die Aufmerksamkeit auf die Sinnlichkeit mit einer langen Einstellung auf den malerisch auf einem Bett drapierten nackten Oberkörper von David, der nur da liegt, wachträumt, so schön hingemalt, wie Rubens seine Frauen, aber deutlich schlanker.

Wiederum gibt es viele Szenen, in denen diese schier explodierende Sinnlichkeit überhaupt keine Rolle spielt. David hat ein Gespräch mit der Schulleiterin, der er auf Augenhöhe Paroli bietet, oder er wartet mit seiner Mutter, die offenbar in England wohnt, in der Klinik, denn dort liegt der Opa, unter dessen Obhut er bisher gelebt hat.

Vater treibt sich irgendwo herum. Taucht einmal auf. Es gibt noch das kleine Schwesterchen Ema, das verläuft sich aber im Film nach ein paar lustigen kleinen Auftritten. Mama möchte so schnell wie möglich nach England zurück. Papa bietet David eine Zigarette an. Die wird er nach der Nacht, nach dem ersten Mal mit Paulinha, jetzt ganz Mann, reinziehen mit einem Anflug von Verachtung.

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