Ma Ma – Der Ursprung der Liebe (Filmfest München 2016)

Meisterhaft sibirisch-spanische Krankenhaus-Tumor-Lyrik, die durch die einfallslos-routinierte deutsche Nachsynchronisation kränker wirkt als sie ist, von Julio Medem, der darin tief über Ursprung, Sinn und Fortgang des Lebens gründelt und dafür eine topmoderne Patchworkfamilie aus zwei Vätern, einem Sohn und einem Töchterchen erfindet.

Medem scheint durchaus zu grinsen über die Winkelzüge, die er das Schicksal in seinem über zweistündigen Film machen lässt.

Das durchgängige sibirische Element trägt das Mädchen Natascha in den Film, in die spanische Schicksalsergebenheit. Sie kommt schon im Anspann aus dem sibirischen Nirgendwo auf uns zugelaufen. Sie ist der Adoptionstraum von Arturo, Luis Tosar.

Arturo ist Talenscout bei einem wichtigen, spanischen Fußballclub, bringt somit Fußball als weitere, durchgehende Belebungs-, vielleicht auch Ablenkungs- oder Würzzutat in den Film.

Der Fußball wiederum wird von Medem eingesetzt als ein Mittel zur Herbeiführung des Patchworkpartnermixes. Denn der Sohn der Protagonistin und Leidensdame, die so gar nicht leidet und immer wahnsinnig schön ist, Peneleope Cruz als Magda, die Erhabene, wohl über Leben, Krankheit und Tod, insofern eine großartige Besetzung, ist Dani, der ein Fußballtalent ist und den Arturo im Stadion gerade am Entdecken ist.

Magda ist Lehrerin, ihr Mann Raoul, Alex Brendemühl, ist Philosophieprofessor und gerade zugange mit einer Studentin. Der Gynäkologe, der als Sänger besser ist, Julian, Asier Etxeandia, betoucht ganz zu Beginn, Medem liebt es in einer trickreichen Vorwärts-, Rückwärts- Seitwärtschronologie zu erzählen, ausgiebig Magdas traumhafte Brüste, da ist er schon ganz nah am Ursprung des Lebens, aber auch des Todes, der Krankheit, des Brustkrebses.

Auch den Brustkrebs geht Medem tricky an, in zwei Stufen. Die erste ist die harmlose Variante, eine Brustoperation, keine Amputation, wie irrtümlich behauptet wird. An der zweiten Brust zeigt sich der Krebs agressiv streuend und bösartig mit begrenzter Lebenserwartung der Patientin.

Der Schluss daraus, jetzt erst recht auf den Putz zu hauen, leben zu wollen, der ist uns in letzter Zeit öfter in Tumorfilmen begegnet; aber auch hier unterscheidet sich Medem, indem er das frontal angeht; Magda sucht mit ihrem bisexuellen Frauenarzt einen Pärchenklub auf. Die Folgen sind am Schwangerschaftstest abzulesen.

Julian wird nahtlos an Magdas Stelle in Arturos Familie treten, die am Ende des Filmes wieder voller Hoffnung ist mit der kleinen Natascha.

Bei einem verzwickten Kunstwerk von dieser Qualität kann Spoilern keinen Schaden anrichten; mir fällt aber auch auf, dass das Berichten über den Film mir viel antörnender erscheint, als ihn zu erleiden, das braucht Ausdauer und seine ganze Wirkung dürfte er sowieso erst nach dem Kinobesuch entfalten.

Er macht sich gleich nach dem Verlassen des Kinos bemerkbar in einer eigenartigen, kurzfristigen Entfremdung der Alltagsrealität einer deutschen Stadt gegenüber.

Ein einziges, großes Leidens- und Glücksgedicht über das Leben und das Vergehen, Lyrik im Weichzeichner als ob das Leben direkt, allerdings bearbeitet durch Milchglas, betrachtet werde; vielleicht nur eine Improvisation zu jener Szene im El Cid Film, die eingeschoben wird, wie der tote El Cid auf ein Pferd gebunden in die Schlacht reitet, dem Meeressaum entlang – er könnte ebensogut nach Sibirien reiten auf der Suche nach Natascha.

Die deutsche Synchronisation verunstaltet den Film stark; besonders auffällig wird es, wenn Julian vom großen Schmerz und vom Leben in Original singt und Medem dazu großartige Bilder der Schwangeren einfügt, die vom Gynäkologen im Pool in der Schwebe gehalten wird und der Bub daneben.

Zäh wie ein kunstvoll gebautes Gedicht.

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