Caracas, eine Liebe (Filmfest München 2016)

Hier ist nicht Venedig und es ist nicht der Aschenbach von Thomas Mann, hier ist Venezuela und der Protagonist heißt Armando.

Aschenbach und Armando verbindet eine Sehnsucht nach der Jugend im Mann, nach einem Ideal. Armando stammt aus superreichem Hause, lebt eine bürgerliche gepflegte Existenz, betreibt ein Dentallabor in Caracas. Seine Wohnung ist geschmackvoll eingerichtet, getäfelte Holzwände, kostbare alte Bücher, hinter Glas gerahmte Grafiken und Drucke an den Wänden. Kein Fernseher. Kein Handy.

Lorenzo Vigas, der diesen Film nach einem Roman von Guillermo Arriaga gedreht hat, zeigt nicht das Caracas, das Venezuela, das aktuell die Nachrichten und die Schlagzeilen beherrscht, zeigt nicht einen Staat am Rande des Zerfalls und eine bröselnden Ökonomie.

In seinem Film sind die Straßen geschäftig belebt. Beim Bäcker allerdings gibt es eine kleinere Schlange. Die Konsequenz davon wird eine unvermutete sein und hängt mit der Geschichte zusammen, die Vigas hier erzählt und die den denunzierenden Begriff „faggot“ für Schwule mores lehrt.

Armando lebt allein. Er hat eine verheiratete Schwester. Vom Vater hat er lange nichts gehört. Der ist CEO einer Firma mit Glaspalast. Gestörtes Verhältnis. Insofern, das dürfte daraus zu schließen sein, auch ein gestörtes Verhältnis zum Mannsein, zur Sexualität. Die befriedigt er, indem er junge Männer anspricht, sie mit Geld lockt, über das er endlos zu verfügen scheint, sie dann mit dem Rücken gegen ihn gewandt sich halb entblössen lässt und sie so zum nicht berührten Objekt seiner Lustanstachelung macht.

Einer dieser jungen Männer, Elder, kann mit dieser Anforderung von Armando nichts anfangen, kommt sich verarscht vor, rastet aus. Damit ist hohe Emotionaliät verbunden und die nicht mechanisch-rachehafte Reaktion von Armando führt zu einer so nicht zu erwartenden dramatischen Entwicklung, die Elder hilflos aus seinen festgefahrenen Klischees hinauswirft.

Meditative Szenen- und Bildgestaltung mit wenig Dialog und ab und an leeren Wänden, die aber durch die Spannung aus dem Kontrast der beiden Welten und Schicksale, die hier hart und gandenlos aufeinanderprallen, gut auszuhalten sind.

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