Kältefront über Iran, die frösteln macht. Änderung nicht in Sicht. Die Menschen sind nicht eingerichtet. Dick eingemümmelt in Mäntel und in Kopftücher gehüllt sind sie in den Innenräumen.
Horrortrip durch die Seele einer Midlife-Ärztin, wenn geschminkt, dann nicht auf schön, sondern auf bleich und abgearbeitet. Sie ist zur Nachtschicht verdonnert. Der Weg über die immer dichter zugeschneiten Straßen den Berg hinauf und hinunter ist an der Grenze der Befahrbarkeit.
Der Hund Tony ist in der Wohnung. Der Ehemann der Ärztin hat frühere Texte von sich wiedergefunden. Vor 20 Jahren hat er die schreiberische Ambition aufgegeben. Jetzt ist er nur noch glücklich und zufrieden. Was ist in all den 20 Jahren passiert, fragt sich die Ärztin. Ihr ist kalt.
Lästige Nachbarn sind in den vornehmen Glas-Beton-Bau eingezogen. Laut. Sie ist Klavierlehrerin, er Immobilienmakler. Die ganze Zeit klimpert es unbegabt.
Der Sohn ruft an oder skypt mit der Mutter. Ab und an setzt die Regisseurin Morteza Farshbar das Geräusch einer niedergehenden Lawine oder einer alles überrollenden Welle auf die Tonspur. Der Sohn heißt Kasra. Der Mann Ahmad. Und die Mutter, die Frau, die Ärztin, die ist am Rande des Nervenzusammenbruchs.
Die Regisseurin versucht nah am Alltag ihrer Figuren zu bleiben. Was allerdings mitunter ein Rezeptionsproblem verschafft, wer ist hier wer, besonders wenn durcheinander geredet wird und die Untertitelung in diesem eigenwilligen UT-English ist und oft zu kurz nur bleibt.
Sie wühlt in alten Sachen, Kinderfotos ihres Sohnes. Einmal ist er mit einem Freund auf dem Bild. Es schneit immer weiter. Die Fenster sind dicht verrammelt. Manchmal hält die Hauptfigur, die Ärztin, ihr Handy vor sich, als ob sie Halt suche, Kontakt, menschlichen. In der Ehe ist nach 20 Jahren nichts mehr los. Stillstand. Der Mann ist glücklich. Er ist mit sich selbst zufrieden. Er bekommt gar nicht mit, dass es ihr immer schlechter geht.
Wenn die Ärztin sich nach 50 Filmminuten etwas Rouge auf die Lippen reibt, so kommt das einer Agonie, einem Aufstand gleich oder einem Hilferuf. Ihrem Mann fällt dazu nur ein, sie sehe, obwohl sie durch die Nachtdienste und die Schlaflosigkeit abgenommen hat, gut aus.
Sie findet, sie sei kalt und hässlich geworden. 10 Tag Schlechtergehen. Und was mit ihrem Sohn ist, der sich abgesetzt hat, das wissen beide nicht. Sie haben ihren Sohn gar nicht mitbekommen. Nur der Hund ist ihnen von ihm geblieben.
Der vielleicht entscheidende Joke, wobei bei der dichten, hohen Erzählqualität dieser Witz so überflüssig ist wie ein Kropf, erklärt hier das Stück. Wird ein Gefangener innert einer Woche das vierte Mal dem Richter vorgeführt …
Morteza Farshbaf setzt dieses Portrait einer Ärztin in der Midlifecrisis, sie heißt Homa, vor den Hintergrund einer höchst ungewöhnlichen, menschenfeindlichen Kältefront, die tagelang über dem Iran hängt, was der Geschichte einen attraktiven Appeal verleiht.