23 Kilometres (Filmfest München 2016)

Was ist der Mensch?
Diese Frage stellt sich Noura Kevorkian anhand eines collagenhaft hingehauchten Portraits ihres Vaters Berkev Kevorkian, der sich selbst viele philosophische Fragen über das Sein, die Sterne, das Vergehen, das Werden von Neuem aus Vergangenem stellt und immer gestellt hat.

Diese Dokumentation hat verschiedene Themen. Das komplexeste ist die Tochter-Vater-Beziehung. Just die wird nicht explizit behandelt. Sie ist aber das elementare Need für den Film.

Die Regisseurin selbst kommt auf einem Foto als Mädchen vor. Wie der Vater das Bild studiert, werden Bilder aus der Vergangenheit als Reenactment verlebendigt. Später tritt sie selbst ins Bild, setzt sich zu ihrem Vater.

Fassbarer wird die Dokumentation beim Thema Parkinson. Der Vater der Regisseurin leidet an dieser unheilbaren Krankheit in einem fortgeschrittenen Stadium. Er kann nicht mehr sprechen. Sich mit Sprachlosigkeit beschäftigen ist eine der hervorragenden Möglichkeiten des Kinos. Der Vater kann noch mühsam Texte schreiben. Die setzt die Regisseurin ein, lässt sie ab und an langsam im Bild entstehen. Und immer wieder geht sie, das wäre kaum möglich, wenn sie nicht die Tochter wäre, ganz nah an Details des angegriffenen, teils zitternden Körpers heran, an die Haut ihres Vaters und bleibt fasziniert daran hängen, als ob sie Hoffnung habe, Erkenntnisse über den Vater zu gewinnen?

Sie zeigt ihn, wie er im Bett unter der bunten Decke liegt, neben sich ein rotes Spielzeugmodell eines hochtourigen Autos. Werden und Vergehen. Er träumte von schnellen Autos, tut es heute noch. Er war ein Tüftler, Ingenieur. Er hat im Libanon Maschinen für Bäckereien entwickelt. Eine sieht man noch in Betrieb. Er hat eine Fabrik zu Stahlherstellung oder -bearbeitung gebaut. Heute steht er vor einer Ruine. Wo sind seine Träume hin?

Er will alles über das All und die Sterne wissen und noch mehr. Vorm Sterben hat er keine Angst. Das sagt sich leicht, so lange man fit ist. Es sieht wohl anders aus, wenn es näher kommt, wenn der körperliche Verfall spürbar wird.

Die Tochter ist mit dem Vater ein Stück durch den Libanon an alte Wirkungstätten zurückgekehrt. Das ist eine weitere Ebene dieser Dokumentation, zu sehen, dass es im Libanon ein ziviles Leben gibt, was bei uns überschattet wird vom Newsbombardement von den fürchterlichen Kriegereien und Metzeleien allüberall im Nahen Osten. Hier gibt es sogar Pfauen in einem Innenhof und die geben munter Töne von sich.

Durch Rückblenden mit Archivmaterial gibt es Flashs aus der Geschichte. Der Krieg hat Berkev Kevorkian 20 Jahre seines Lebens gekostet, stellt er fest, und Parkinson bereits weitere 20 Jahre. Wo sind die Träume geblieben?

Es ist auch ein Film über menschliches Bewusstsein, über seine Träume, über die Schwierigkeit, sie zu artikulieren, wenn so eine Krankheit allmählich zum Stillstand führt.

Zur politischen Ebene des Filmes gehört auch die Herkunft Kevorkians: er ist als Junge mit seinen Eltern vor dem Genozid an den Armeniern aus der Türkei in den Libanon geflohen.

Der Film fängt mit einem philosophischen Exkurs an, den Kerkorian 2001 vor einem Auditorium hält und zu dem zu lesen ist, dass das die letzte erhaltene verbale Äußerung von ihm sei. Dann setzt der Film nach einer Information über die Nervenkrankheit im Heute mit der kleinen, 23 Kilometer-Reise im Libanon ein. Zerstörung und Geburt. Entwicklung von Maschinen, von Raumfahrzeugen.

Ein magischer Kinomoment ist sein spitzbübisches Grinsen, wie er in einem gerade noch fahrbaren Autoscooter sitzt und gegen die Randabdeckung donnert.

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