Schau mich nicht so an

Kesse Mongolin, Uisenma Borchu, der Jurte entkommen, hat alles im Griff, mischt das deutsche Kino auf und verwirrt den Kultstar aus Subventions- und Staatsbetriebsgefilden, Josef Bierbichler, einer der wenigen, die ansatzweise improvisieren können.

Denn bei Uisenma Borchu, die nicht nur das Drehbuch geschrieben und die Regie geführt hat, sondern auch eine der beiden Hauptrollen spielt, soll glaubwürdig und natürlich gespielt werden. Das wird es auch und ist doch im deutschen subventionierten Kino lange nicht das Maß aller Dinge ist. Sie stellt Bierbichler auf eine harte Probe.

Uisenma Borchu nennt sich im Film Hedi, spielt eine junge, emanzipierte Frau, die in München lebt, was genau der Job ist, bleibt unklar. Sie wohnt in einem Altbau mit geräumigen Zimmern und ist Nachbarin von Iva, Catarina Stemmer, lange nicht so eine natürliche Schauspielerin im deutschen Kino gesehen. Iva hat nicht alles im Griff, im Gegensatz zu einer der Selbstdefinitionen von Hedi.

Über das 5-jährige Töchterchen Sophie von Iva kommt der Kontakt zu Hedi zustande, die in einer höheren Etage desselben Wohnblockes wohnt. Als erstes bietet sie dem Mädel eine Zigarette an. Iva ist nicht erfreut, dass die Nachbarin ohne ihre Anwesenheit mit dem Kind anbandelt. In diesem Alter würden soziale Beziehungen nur im Beisein der Eltern geknüpft, belehrt sie die fremdländische Nachbarin, die perfekt Deutsch spricht.

Sophie ist ein rotzig quengelndes Mädchen, das nicht in den Kindergarten will und dem das Drehbuch altkluge Sätze in den Mund legt: „Heute ist Samstag, heute ist kein Kindergarten“. Oder: „Ich finde, du bist cool“. Aber Mutter hat auch andere Interessen, gut aussehende Liebhaber gehen bei ihr ein und aus; Mama will ihr Sexvergnügen. Kleine Kinder spannen solche Absichten und Sophie schreit jedes Mal, wenn es mit Mutter und einem ihrer Macker zur Sache gehen soll. Töchterchen will sich nicht mit Gutnachtgschichten ab Kassette abspeisen lassen.

Uisenma Borchu liebt die Gegensätze, das sich Beißende; zwischen die Münchner Szenen schneidet sie eine Reise zu ihrer Oma nach Ulan-Bator. Diese haust und lebt ihr traditionelles Leben in einer Art Slum-Vorort entwurzelt in einer Jurte, die im trostlosen Vorgärtchen einer armseligen Hütte aufgebaut ist.

Den Culture Clash treibt Uisenma Borchu auf die Spitze in der Begegnung und Konfrontation mit Josef Bierbichler. Dieser spielt den Vater von Iva. Ein Kontakt zwischen ihm und ihr besteht lange nicht mehr.

Da Iva und Hedi sich über Sophia angefreundet haben, erfährt Hedi von diesem Vater, der die Tochter und die Enkelin besuchen will, der aber aus seinem Hotel schwer rauskommt. Dort spürt Hedi ihn auf. Mit großer Ungeniertheit bandelt sie mit dem alten Herrn an, provoziert ihn, stößt ihn an die Grenzen seiner Impro-Kunst, wodurch er einen bemerkenswerten Level an Echtheit erhält.

Hedi erzählt dem Alten an der Hotelbar frei von der Leber weg von den Sexgewohnheiten bei den Nomaden in den Jurten, wo alle Generation unter einem Dach schlafen, wie das en Detail vor sich gehe, ohne den Generationenfrieden zu stören.

Auch die beiden Frauen, die Mutter und die Kinderlose verstehen sich prächtig, entspannt, was ist schon dabei; das hat mit Gymnastik zu tun und lustiger, wenn ein Mann dazustößt.

Einfall einer chronischen Raucherin von Mongolin in den dösigen Tümpel des deutschen Subventions- und Pfründenkinos, hier ganz unbeleckt davon, nutzt keck die geistige Freiheit, die die Wüste gibt und die hier offiziell als Freiheit der Kunst propagiert wird und macht was draus und die Kamera von Sven Zellner keckt fit mit. Keck. Kess. Cool.

Stimmungsbackground ist das blaue Gemälde von Borchu Bawa, das bei unscharfem Sehen an die entpannenden Seerosen von Monet erinnert.

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