Sky

Wie aus der Zeit gefallen wirkt dieser Film von Fabienne Berthoud („Barfuß auf Nachtschnecken“), die mit Pascal Arnold und Lucy Allwood auch das Buch geschrieben hat, in seiner Langsamkeit und seiner gleichzeitigen Beharrlichkeit, die Schichten von Romy, Diane Kruger, auf dem Weg zu Sky freizulegen, bis zu dem Punkt, wo aus Einsamkeit existentiell-elementare Zweisamkeit wird; ein Wunsch wohl eines jeden Menschen.

Die Langsamkeit macht Sinn, denn das Ehepaar das wir anfägnlich auf seinem Roadtrip durch Amerika begleiten, Romy und Richard, Gilles Lellouche, ist an einem toten Punkt angelangt. Sie erhoffen sich von der Reise Impulse.

Das Paar ist kinderlos, vielleicht ziellos, obwohl sie nicht ständig Krach miteinander haben; sie scheinen die Reise zu genießen, tun so als ob. Klar steckt ein unausgetragener Konflikt dahinter.

Sie sind unterwegs in den kinoaffinen Landschaften des Südwestens der USA, abseits der Touristenströme. Sie landen in einer Bar in einem Kaff. Hier tritt eine Sängerin auf.

Richard ist ein Mann voller Lebenslust, er möchte etwas erleben, er ist keineswegs streitsüchtig oder aggressiv, hat eine großzügige Ader. Er kann offenbar damit umgehen, dass Romy ihn nicht ficken lässt; ein differenzierter Mann also, nicht nur ein dämlicher Bock.

In der Bar kommt er ins Gespräch mit der Sängerin und ihrer Blondinenfreundin. Leben heißt jetzt, einen heben, Whisky wird geordert und noch einer, großzügig auf seine Rechnung. Romy sitzt abseits. Er holt sie dazu. Aber das ist nicht ihr Leben. Sie zieht sich ins Motel-Zimmer zurück.

Bei seiner Rückkehr kommt es zu einer heftigen, physischen Auseinandersetzung der beiden, wie er Sex mit ihr haben will. Sie sieht sich gezwungen zu fliehen. Sie kauft ein Auto. Fährt los und hat jedes Mal Angst, wenn irgendwo Polizei auftaucht, eine Phase Krimi-Road-Movie findet jetzt statt. Bis zum definitiven Abschied von Richard. Jetzt ist sie frei.

Allein wie Diane Kruger die emotionale Explosion dieser Freiheit am Steuer gen Westen spielt, ist großartig; Kategorie „magischer Moment“. Nicht weniger großartig, wie sie in Las Vegas sich als Bunny versucht – das ward selten gesehen, wie eine Frau es schafft in diesem attraktiven und eigentlich, was die Anmache betrifft, absolut sicheren (affigen) Kostüm so unattraktiv zu wirken, das dürfte nicht jeder Schauspielerin gelingen; das dürfte nicht jede für sich zulassen wollen.

In Las Vegas setzt sich bald schon die Geschichte mit Diego in Gang, mit Norman Reedus, einem weiterer Besetzungsglanzpunkt. Er ist Parkwächter und wohnt in der Einsamkeit. Sein Defizit ist nicht wie das von Richard, dass er nicht mit Romy ins Bett dürfte, obwohl er bekennender Nuttengeher ist, sein Defizit ist auch einer der spärlichen Hinweise auf die amerikanische Politik, aber meist hält er dieses Geheimnis verschlossen in sich.

Über ihn kommt Romy mit dem Indianertum in Berührung, was äußerlich zur Umbenennung in Sky und innerlich die letzte entscheidende Wandlung für ihr Selbstverständnis als Frau herbeiführt.

Der Eindruck von Langsamkeit rührt auch daher, dass heutige Signale sparsam vorkommen im Film. Las Vegas ist Spielhöllle wie eh und je. Lediglich das Bunny Charlene, Laurene Landon, die Romy zu den ersten Schritten in Las Vegas verhilft, benutzt einmal ein topmodernes Mobil-Telefon.

Ein alter Indianer missioniert für die Natur auf einem unbelebten Parkplatz und mit Megaphon bewaffnet. Diego bringt Wasserbehälter in die Wüste für die illegalen Migranten aus Mittel- und Südamerika.

Ein exquisiter Musikscore rundet diese französische Filmdelikatesse, die so wirkt wie eine französische Tarte im Angebot eines amerikanischen Schnellimbisses, die sich die Räume Amerikas zunutze macht, perfekt und harmonisch mit den richtigen Nuancierungen zwischen Dunkel und Hell ab.

Symbolik: Romy will mit Richard in Bombay Beach Halt machen, dem Epizentrum des erwarteten großen Erdbebens. Und wenn es nur das zwischen ihr und Richard voraussignalisiert, so ist dieses doch für diesen Film groß genug, im Kino können kleine Beben gewaltig werden.

Ein klug gemachter Film, ohne die Sinnlichkeit an Zahlung zu geben, der die schauspielerischen Leistungen des exzellenten Castes in noch glänzenderem Licht dastehen lässt. Kurze Irritation, wie es um einen Brief an Nixon anno 1970 ging, hm, wann spielt der Film?

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