Mit diesem Film wird der koproduzierende BR weder schlafende Hunde wecken noch mithelfen, seine klammen Finanzen zu sanieren.
Wobei die Idee gut wäre, dass das Fernsehen sich an der Produktion von Filmen mit diffizilen Stoffen wie hier das in einem österreichischen Nachkriegsdorf erstickte und unterdrückte Judenthema zu beteiligen, sie von Kinokönnern zu einem Kinoerfolg machen zu lassen und dabei Geld für den Sender zu verdienen.
Hinsichtlich des Aussuchens von Kinomenschen, die solches können, haben allerdings die beiden verantwortlichen BR-Redakteure Hubert von Spreti und Monika Lobkowicz ihrem Arbeitgeber einen Bärendienst geleistet; sie bieten sich somit selbst für Personalreduzierungen beim BR an.
Dabei atmet der Film von Andreas Gruber durchaus das Streben nach Authentizität und Ehrlichkeit. Er lässt seine Schauspielerschar agieren wie bemühte Laien, die lernen müssen, die vorbereiteten Sätze sachlich zu sagen.
Der Film wirkt wie eine Aneinanderreihung von unendlich vielen, liebevoll mit Hilfe der Ausstattung lebendig gemachter Reminiszenzen; er lässt eine ersthafte Beschäftigung mit dem Stoff spüren. Wobei an dieser Stelle ein Exkurs zum Thema Kino und Ehrlichkeit nicht deplaziert wäre.
Er wirkt aber auch so, als habe ein filmenthusiastischer Dorfpfarrer oder Dorflehrer den Film für die lokale Bevölkerung gemacht, um die Erinnerung wach zu halten. Er wirkt so, als sei der Regisseur aus dem Dorf selber nie herausgekommen und auch in jener Zeit, 1967, stehengeblieben.
Andreas Gruber, der Regissuer, der auch das Drehbuch nach dem gleichnamigen Roman von Elisabeth Escher geschrieben hat, hat sich dafür ungeschickter Weise das vielleicht schwierigste, wenn überhaupt bewältigbare dramaturgische Konstrukt ausgesucht: ein Mensch, der weder besonders glücklich noch besonders unglücklich ist, das Schulmädchen Johanna, das mit einer verstört wirkenden Mutter und einem Buchhalter-Typen von Vater gesegnet ist und mit dem einzigen natürlichen Darsteller im ganzen Film überhaupt als Bruder. Bei dieser unproblematischen Johanna stellt sich nach und nach ein Problem ein; Sätze sollen sie verunsichern. Wobei Gruber unverständlicherweise auch darauf verzichtet, das Mädchen mit Eigenschaften zu präsentieren, die es wengistens spannend machen könnten, wie sie denn mit diesen Verunsicherungsabsichten umgeht.
Der Film versucht tröpfchenweise dem Mädchen einzuträufeln, dass etwas nicht stimme mit ihm, es sind Bemerkungen der Knallcharge von viel zu rot geschminktem Hausmeister oder einer Nachbarin oder der Religionslehrerin.
Das Prinzip des Katastrophenfilmes wäre: kurz werden die glücklichen Protagonisten gezeigt, dann passiert die Katastrophe und das Spannungsseil, wie sie den Konflikt lösen, ist befestigt.
Bei Gruber will sich von Beginn an keine Spannung einstellen. Das Mädchen ist die Protagonistin. Wie soll es damit umgehen, dass es erfährt, dass es Jüdin sei. Und hat auch dazu keine Position, weil das Thema ja verdrängt wird. Wie geht eine Insiderin damit um, dass sie plötzlich zur Außenseiterin wird. Erschwerend kommt hinzu, dass das Mädchen als Nebenfigur eingeführt wird.
So fängt der Film an: eine Familie ist auf dem Weg zum Kirchgang, das Mädchen, die Eltern, der Bruder und die blinde Frau mit dem Habitus der Tante. Diese strahlt sich in den Mittelpunkt, ist ja auch die Hannelore Elsner, lenkt von der in dieser Szene inszenatorisch vernachlässigten Hauptfigur ab.
Die zwei Sätze, die als erstes passieren, sagen etwas zum Thema Glauben und führen einen Bösewicht ein, jemanden, neben dem die Mutter nicht sitzen möchte in der Kirche. Das kommt mit biographischer Glaubwürdigkeit rüber. Nur setzt es das Mädchen, um das es geht, nicht in Bezug zum Thema. Müsste doch mindestens klar werden, dass beim Mädchen, intutitiv bei so einer Bemerkung eine Saite zum Klingen gebracht wird. So wäre der Bezug zum Thema früh hergestellt. Elementare Erzähltechnik.
Hannelore Elsner wird in diesem Film noch viel ablenkende Aufmerksamkeit heischen, weil sie das Zentrale des Spielens einer Blinden offenbar nicht studiert hat: dass das Zuhören, das Horchen zum A und O der Darstellung werden muss; schwierig für eine Schauspielerin, die ein Leben lang Selbstdarstellung betrieben hat; so kann sie den Kopf nicht ruhig halt und auf Empfang stellen und wackelt ihn hin und her und macht eine unergiebige Riesenshow daraus und lächelt was das Zeugs hält. Da möchte der Zwangsgebührenzahler schon gerne wissen, warum er für eine so miserable Leistung zur Kasse gebeten wird.
Als weitere Dauergrinsefigur und als Stichwortgeber wurde ein ausrangierter Fernsehschauspieler, braungebrannt wie grad frisch aus dem Skiurlaub, engagiert, der unverholen den Pädophilen spielt.
Dummerweise beugt sich Gruber auch dem Fernsehdiktat der Kurzatmigkeit der Erzählung.
Aus dem Material, das er aus der Erinnerung puhlt, wäre bei Befähigung ein spannendes Drehbuch zu machen gewesen. Möglicherweise aber würden Meister der Zunft lieber die Hände davon lassen.
Und dann die schweren Symboliken: Güterzüge und Maulwurfvergasung – aufs Auge gedrückt; wer nicht hören will, muss fühlen.
Dass es sich um einen Reminiszenzfilm handelt, beweist die Kurzszene, wie die Kinder, nachdem der Besuch weg ist, sich schnell auf die übriggebliebenen Kuchen stürzen. Das mag individualanekdotisch von Belang sein, hat aber mit dem Thema nichts zu tun. Auch das spricht für die Laienhaftigkeit, dass hier einer sich nicht von liebgewonnenen Szenen trennen kann. Aber man muss sich eben entscheiden, ob man für sich selber und für das Dorf oder für den Markt arbeitet. In dem Pfründensystem von Förderungen und öffentlichem Rundfunk ist es leider möglich, diese Diskrepanz zu ignorieren und so zu tun, als ob man für den Markt arbeite. Hier wird für das Dorfarchiv und für das Privatarchiv gearbeitet.
Auch wird zu viel gesungen, nie sind die Szenen so intensiv und anspruchsvoll, dass sie nach so langen Drüberstreuern verlangten. Es fehlt die Haupfigur, ihr Konflikt, der Handlungsrahmen, in welchem er bewältigt werden muss, somit auch die Handlung und ebenfalls die Zeitstrecke und sowieso das Ziel in diesem Film. Empfehlung an den Autor: Besuch eines Drehbuchseminars für Einsteiger.