Vor der Morgenröte – Stefan Zweig in Amerika

Rein drehbuch-, spiel- und inszenierungstechnisch gesehen muss sich Stefan Zweig (Josef Hader) in Petrópolis in Brasilien wegen dem neuen, nervösen Nachbarn Feder (Matthias Brandt) umgebracht haben. Der wirkt wie ein aufgedrehter Versicherungsvertreter, ein Exilant, der sich nach der Flucht erst mal ausgiebig in die Sonne Brasiliens gelegt hat, so braun ist er, und der nicht recht weiß, wie seine Mappe halten, anfangs wirkt sie schwer und gewichtig, später leicht und unwichtig, obowhl er sogar noch eine Zeitung darin verstaut hat.

Feder sucht den Bus, zuerst zielstrebig, da entdeckt er Stefan Zweig, der von New York nach Petópolis umemigriert ist. Und obwohl Brandt den Feder anfängerhaft Dringlichkeit spielen lässt, zeigt er Zweig erstmal sein Haus, dann bringt dieser ihn auf langen Umwegen zum Bus, als ob Feder gar nicht wisse, wo der Bus ist. Solche Gedanken beim Zuschauer in Gang zu setzen, dürfte wohl kaum die Intention von Maria Schrader sein, die mit Jan Schomburg (der schon bei Vergiss mein Ich gezeigt hat, dass er kein Drehbuch schreiben kann) auch das Drehbuch geschrieben hat, das sich einige Exilstationen des damals neben Thomas Mann berühmtesten deutschen Dichters in Brasilien, Argentinien und New York vornimmt.

Anfangs spielt Hader den Dichter überzeugend. Je länger der Film dauert, desto weniger Futter bekommt er vom Drehbuch – und auf Hinweise, die vom Spiel her (und nicht vom Text) auf einen Selbstmord schließen lassen, verzichtet es ganz. Einmal in New York findet Zweig, wie schlimm das alles sei.

Es ist das Problem mit Dichterbios, dass das Schreiben selber als Vorgang unergiebig ist – eine originelle Lösung für dieses Dilemma, indem der Autor als Doppelfigur offengelegt wird, zeigt Lady in the Van.

Aber wenn sie nicht schreiben, die Dichter, sind sie auch nur Menschen. So behilft sich Schrader mit menschlichen Nähkästchenstories.

Die erste lange Szene, die mit dem überbordenden Blumendekor auf einer Festtafel für ein paar Dutzend Leute in einem altvornehmen Saal anfängt, einer einzigen Einstellung mit fester Kamera durchinszeniert, führt nach unergiebigem Vorgeplänkel, wie sich das Personal aufstellt, wie der Tisch zu Ende gedeckt wird, wie die Türen geöffnet werden, wie das Publikum und der geehrte Dichter eintreten, lediglich zu Reden und Applaus – und immer wieder Applaus im Film. Applaus für den Dichter von Frau Schrader.

Aber was Frau Schrader sonst noch interessiert an Stefan Zweig, das wird nicht so ganz klar. Sie scheint Massenszenen zu lieben und diese im Detail durchinszenieren zu wollen, kein leichtes Unterfangen. Regie führen heißt nicht umsonst, den Chor führen können; was sich von Frau Schrader nicht so ohne weiteres behaupten lässt.

Die Überinszenierung des Chors hat einen ablenkenden Effekt. Wenn bei einer Rede vor vollem Saal x-fach das Simultanübersetzen zwischen Nachbarn inszeniert wird (den gleichen Service mittels Untertitel enthält der Film dem Zuschauer allerdings vor), so ist es schwierig, die Rede mitzubekommen.

Etwas einfacher gestaltet es sich bei einer Pressekonferenz (hier fällt Schrader nicht sonderlich viel zur Inszenierung der Pressedarsteller ein), an der die nicht so zahlreichen Journalisten aus Zweig ein politisches Statment gegen die Nazidiktatur herausholen wollen, wogegen er sich weigert, weil er solches prinzipiell nicht mache.

In New York wirkt es erst so, als besuche Zweig seine Mutter (Barbar Sukowa), der es die Regisseurin mit ständig unterbrochenen Vorbereitungen zum Decken eines Kaffetisches höchst kompliziert macht. Dabei hat sie Mengen an Exilanteninfos zu übermitteln. Die quittiert Zweig mit „Dieses Ausmaß, dieses entsetzliche Ausmaß“. Erst spät in der Szene wird klar, dass die Sukowa Zweigs geschiedene Frau und nicht die Mutter ist.

In Brasilien war Zweig nämlich vorher mit einer etwas einfältigen Dame zugange. Die musste mit ihm eine Szene in einem Auto spielen, wie sie zu früh im Anwesen herrschaftlicher Gastgeber angekommen sind. Für so eine Situation gute, womöglich witzige Texte zu erfinden, dürfte ein Ding der Unmöglicheit sein, so wirkt es zumindest bei Schrader. Die Blaskapelle trifft zu spät ein und bringt, falls überhaupt Ansätze zu Content da waren, diese noch durcheinander. Kurz huscht der Gedanke durch den Kopf, mit diesem Film könnte es sich so verhalten, wie mit diesem vollkommen misslungenen Empfang – alles noch nicht parat.

Zu seinem Geburtstag erhält Zweig in einer späteren Szene einen Hund. Der muss für reichlich Füllfootage herhalten, nichtssagend, was den erhellenden Effekt auf Stefan Zweig ausmacht. Mann und Hund. Dichter und Hund.

Die Unmengen von Förderern und fördernden Fernsehanstalten im Vorspann, sie drängen sich hier dicht an dicht, lässt darauf schließen, dass Frau Schrader gut vernetzt ist im Pfründenland und dass die Namen Hader und Zweig den Effekt eines Blankochecks gehabt haben müssen, dass keiner das Drehbuch gelesen hat. Es kann einem international kompatiblen Kino nicht das Wasser reichen.

Den Epilog liest Brandt wie ein Schüler bei der Schulabschlussfeier. Überhaupt scheinen die Schauspieler, die ihre Rollen nach Lektüre des Drehbuches zugesagt haben, von ihren Erfolgsinstinkten verlassen, wenn sie nicht gesehen haben, wie oberflächlich, wie ohne Konflikte, wie banal die Figuren geschrieben sind.

In New York muss es eisig kalt sein, die Scheiben sind zugedeckt mit Eisblumen, wohl um des Kameraeffektes des durch dieses Eis auf die merkwürdig computeranimiert wirkende Straße Hinunterschauens willen, in der Wohnung selbst scheint es knuddelig warm zu sein.

Schön ist, dass der Film so polyglott daher kommt, Deutsch, Österreichisch, Brasilianisch, Spanisch, Englisch und auch Französisch wird gesprochen; macht gleichzeitig klar, wie wenig man verpasst, wenn man bei diesem Film die Texte nicht alle versteht; wobei die Diskrepanz zwischen Text und realem Spiel noch drastischer wirkt.

Wenn Schrader uns erzählen wollen würde, auch Autoren im Exil sind nur Menschen; aber nicht einmal das tut sie.

„Du musst den Türsummer drücken“ und, an anderer Stelle über den Hund, „den nehmen wir jetzt mit auf den Ausflug“, das müssen zentrale Sätze sein in einem Zweig-Exil-Biopic.

Rote Karte des malträtierten Zwangsgebührenzahlers

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