Mikro & Sprit

Verblüffend an diesem jungendlichen Roadmovie von Michel Gondry (Der Schaum der Tage) ist, wie die beiden Buben Daniel, 14,5 Jahre, und Théo, genannt Sprit, dieser etwas größer, auf ihrer Ausbüchstour von Paris in Richtung Zentralfrankreich doch erstaunlich reifen oder älter werden, mental zumindest, äußerlich keinesfalls bis auf eine wegrasierte Mädchenmähne.

Das zeigt sich bei einem Malwettbewerb an der letzten Station ihrer Tour, der eigentlich nur für maximal 12-jährige ist; hier schrammt Daniel am Sieg vorbei, weil seine hochtalentierte Zeichnung allzu fantasielos und konventionell geraten ist: zu gewinnen war ein ferngesteuertes Flugzeug; er hat dieses gemalt, ein Dorf dazu, während die Siegerin fantasievoll Kinder auf Kartoffeln hat um den Globus fliegen lassen.

In ihren Gesprächen gelangen die beiden Kids zur überraschenden Erkenntnis, sie würden wie Opas reden. Tatsächlich haben sie immer schon klug bis altklug sich unterhalten – und stecken doch mitten in der Pubertät.

Daniel kann auf Französisch auch als Danielle geschrieben werden, ist dann ein Mädchenname. Mit seinen langen Haaren und den feinen Zügen, dem sensiblen Touch wirkt er auf den ersten Blick wie ein Mädchen, wird ab und an als solches angesprochen.

Er will von seinem Freund Théo, der neu in der Klasse und somit auch ein Außenseiter ist, das Kämpfen und das Sichdurchsetzen lernen. Er hat noch einen älteren Bruder, der bereits in der Punkphase ist.

Théo ist ein Tüflter. So basteln sie sich ein fahrbares Gartenhäuschen, das sie mit einem Benzinmotor versehen. Wenn sie es parken, können sie eine Lade herunterlassen und es sieht aus wie ein fest stehendes Bretterbüdchen.

Das schönste Bild in diesem Zusammenhang ist ein Selfie, das zwei Streifenpolizisten davor machen, sie können sich gar nicht vorstellen, dass das Teil fahren kann. Auf dem Foto wird zwischen ihnen noch ein Bubenkopf hinter dem Fenster zu sehen sein. Aber bis dahin hat sich das Gefährt längst weiter bewegt, trickreich von Daniel an jenen See gelenkt, wo er seinen Schwarm Laura zu wissen glaubt.

Die beiden Jungs leben in einem Milieu und in einer Zeit, in der in ihrem Alter als selbstverständlich gilt, dass sie masturbieren dürfen; kein Tabu, kein Verbot; der künstlerisch begabte Daniel zeichnet sich für jedes Mal seine Wichsvorlage selber. Vorboten von Liebeskunst?

Vor ernsthaften Auseinandersetzungen ist die Freundschaft der beiden nicht gefeit. So verläuft sich Daniel einmal wie selbstverständlich und altersangepasst im mystischen Wald.

Die Gastfreundschaft eines Zahnarztehepaars löst Horrorvorstellungen bei den beiden aus und wie das Handy von Daniel ins selbstgeschaufelte Kackloch fällt, so ekelt es ihn an, es wieder herauszuholen.

Es sind alle romantischen Elemente einer solchen Reise vorhanden, aber Gondry sieht auch sehr genau, dass sie Teil eines Entwicklungsprozesses ist, der die beiden vorwärts treibt, der eine ernsthafte Angelegenheit mit vielen ernsthaften Gesprächen ist, die allerdings noch eingepackt sind in den Duft von Abenteuer und in die Fantasie und Sorglosigkeit der Jugend.

Reise im Schneckenhaus in die Welt hinaus, um sich zu entpuppen.

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