Agnes

Verfilmung des Romans „Agnes“ von Peter Schmid. Johannes Schmid hat die Regie übernommen und mit Nora Lämmermann auch das Drehbuch geschrieben.

Mit den Kinderfilmen „Blöde Mütze“ und Wintertochter hat Johannes Schmid Interesse geweckt und Gediegenheit gezeigt. Jetzt macht er klar, dass Gediegenheit allein nicht reicht. Gediegen ist seine Inszenierung immer noch. Als ob er mit Hygienehandschuhen arbeitet, alles sorgfältig plant, anfasst und auf der Leinwand darlegt.

Um Krankheit geht es. Auch. Den glaubwürdig kränkelnden Cast hat Daniela Tolkien zusammengestellt. Wobei das nur eines der Probleme ist, mit denen ich mich bei diesem vielfältig geförderten und vom WDR koproduzierten Film konfrontiert sehe.

Das Grundproblem, an dem die überwiegende Zahl versuchter Literaturverfilmungen scheitert, besteht auch hier: die mangelhafte Umarbeitung zu einem Drehbuch. Mangels Entscheid für eine Rote-Faden-Hauptperson, für die Titelfigur Agnes, Odine Johne, oder den Autor, der die Liebesgeschichte mit ihr zu einem Roman verarbeiten will, Stephan Kampwirth als Walter Richter, der ein Buch „In fremden Gärten“ geschrieben hat.

Diesen elementaren Mangel, den Johannes Schmid wohl spürte, aber nicht beheben konnte, weil das sowieso kaum jemand kann in unserem Filmland, versucht er nun mit Schnitt-, Footagewiederholungs- und Musikmätzchen zu bemänteln sowie mit einer Attitüde des Vergeheimnissens des Zeit- und Ortrahmens, Spielereien, die schnell den Eindruck von Eitelkeit statt Zweckdienlichkeit erwecken.

So dass die Gediegenheit ins Leere arbeitet, wie für ein Mausoleum für eine (kranke?) Liebe präpariert wirkt. Und auch damit, dass er alle paar Minuten eine Erotikszene einfügt, nie aber richtig dabei bleibt, wie er sich sowieso für den fernsehtypischen Asthma-Kurzatmigkeitsrhythmus entschieden hat in vorauseilendem Gehorsam dem koproduzierenden Fernsehsender gegenüber.

Ein Mann zwischen zwei Frauen, er hat schon mit Louise, Sonja Baum, gebumst, die gleich verkündet hat, sie liebe ihn nicht, wie er Agnes anspricht. Sie will er, nach knapp einer halben Stunde merkwürdigen Anbandelns zwischen Büchern und im Stoßverkehr zur Hauptfigur eines Romans machen.

Er ist Autor, was zu einigen Weisheitssätzen über das Schreiben ausgenutzt wird. Augenscheinlich soll zwischen Leben, Lieben und Schreiben eine befruchtende Gegenwirkung vorgeführt und behauptet werden.

Generell hält Johannes Schmid seine Schauspieler zu knappem, sachlichem Sprechen an.

Kampwirth hat diesen angenehmen Sprecher-Duktus, wie ein Ulrich Matthes ihn praktiziert. Bei Agnes bleibt unklar, wo die Differenz zwischen Darstellerin und Rolle ist, das Kranke kommt jedenfalls glaubwürdig rüber.

Die Leinwand als gediegenes Vorführfeld für Irrwege der Drehbuchbearbeitung. Symbolik der Ausstattung: Plakat „Mörder Hoffnung der Frauen“; dieses Stück von Oskar Kokoschka handle, so ist nachzulesen, von einem Mann, der sich schwer verwundet rettet, indem er einer Frau ihre Lebenskraft aussauge; dies wäre doch der untrügliche Hinweis an den Drehbuchautor, dass er sich doch bittschön den Autor als Hauptperson vornehmen möge und nicht aus unergründlichem Zwiespalt oder Mitleid oder weiß nicht was, die arme, ausgesaugte Frau, eine arme, ausgesaugte Frau als Hauptfigur, cui bono?

Vielleicht ist das die Erklärung für den Film. Kino als Rätsel: finde den beabsichtigten, aber dem Zuschauer vorenthaltenen Gehalt des Filmes heraus anhand von Plakaten, die in diesem vorkommen. Insofern verständlich, dass der Filmemacher glaubt, seines Amtes gewaltet zu haben und sich auf Hochglanz- und andere technisch-akademische Sperenzchen verlegen kann. Glück mache keine guten Geschichten, ist zu hören, aber muss es gleich so aus allen Poren kränkeln?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.