Urmila

Ein großes Thema: Freiheit des Menschen versus Unfreiheit/Sklaverei.

Ein exotisches, herzerweichendes Beispiel, Kamalari, Sklavenmädchen in Nepal und eine sympathische, hübsche Protagonistin als Repräsentantin der Sklavenmädchen und auch von deren Befreiungsbewegung FKDF (Freed Kamalari Development Forum): Urmila, 23, die sich nach 12jähriger Haushaltsklavschaft mit 18 selbst befreit hat, ihre Eltern haben sie im Alter von 6 Jahren aus Armutsgründen hergegeben.

Heute will sie ihre Bildung nachholen, um Rechtsanwältin zu werden; heute schon ist sie in der FKDF engagiert.

Stoff genug für einen spannenden bis brisanten Dokumentarfilm.

Susan Gluth, die an der HFF München ausgebildete Dokumentaristin, geht ihr Thema nach der bei Münchner Dokumentartaristen bereits mehrfach diagnostizierten „Mäuschen-spielen“-Methode an.

Die verlangt immerhin, ein Vertrauensverhältnis und Gewohnheit im Umgang mit dem Objekt des Interesses aufzubauen. Dies besteht aus mehreren Reisen nach Nepal, einmal auch nach Oslo zum Oslo Freedom Forum, ein paar pastellene Landschaftsnaufnahmen aus Nepal, einmal kurz Religionsfolklore dazwischenschneiden, sonst Urmila mit Papa, Urmila mit Mama, im Wohnheim für befreite Mädchen, in der Schule oder bei Theaterproben, bei denen Szenen aus dem Leben der Sklavenmädchen nachgestellt werden.

Weiterer Doku-Beifang ist Material mit dem deutschen Helfer Andreas, der in Nepal zu Besuch weilt, Befreiung eines Mädchens auf dem Weg in die Sklavschaft auf einem Busbahnhof im Beisein der Polizei, Bilder von Demonstrantinnen, die gegen die Polizei anschreien.

So entsteht eine Materialsammlung, die über das rein Touristische hinausgeht, weil es doch Urmila folgt, es wirkt aber insofern beliebig, als die Dokumentaristin nur Mäuschen spielt, gerade mal eine Szene mit den Eltern inszeniert, in der diese erzählen sollen, wieso sie das Mädchen damals weggegeben haben, es war die pure Armut, aber nirgendwo keinerlei Nachfragen, kein Nachhaken, auch nicht der Versuch, Zusammenhänge zu ergründen oder auch die Seite der Herrschaften, die solche Mädchen halten, zu Wort kommen zu lassen; es fehlt der journalistische Biss, die Neugier nach dem Funktionieren der Organisation der Befreiungsbewegung oder eine ebensolche Frage nach dem „Oslo Freedom Forum“, warum Urmila dort in prächtig folkloristisch nepalesischer Tracht vors Mikrophon tritt; das Funktionieren von solchen Organisationen und wie sie offenbar immer wieder Protagonisten, die gewisse Anforderungen erfüllen, suchen.

Es gäbe so viele Fragen, denen man nachgehen könnte; was ist die Motivation von Andreas, bekommt er seine Hilfe bezahlt, ist er in einem Netzwerk oder einer Organisation oder macht er das rein privat? Es gäbe in diesem Umfeld genügend Dinge zu recherchieren.

Aber, um an deutsche Fördergelder zu kommen, reicht es vollkommen aus, einen an sich rührenden Fall eines solchen Mädchens aufzuspüren, um damit die Reisen und die Arbeit zu finanzieren. Wobei der Dokumentarist oder die Dokumentaristin unbedingt offenlegen soll, wie die finanzielle Entschädigung für Urmila ausschaut, ist sie am Erfolg des Filmes beteiligt? Ist sie beteiligt an Einnahmen aus allfälligen Ausstrahlungen am Fernsehen oder vom DVD-Verkauf, wird sie beteiligt an den Kinoeinnahmen? Oder wird sie wieder nur ausgenutzt wie bereits als Sklavenmädchen?

6 Gedanken zu „Urmila“

  1. Ich bin weder der Helfer noch der lustige Gartenbauer, wie ich auch gesehen wurde.
    Schlicht und ergreifend bin ich ihr Chef. Frau Urmila Chaudhary ist seit April 2010 Angestellte in meiner Firma. Sie ist seit dieser Zeit offiziell in Deutschland gemeldet und für die Zeit von 2013 bis 2016 hatten wir ihren allgemeinen Arbeitsvertrag in einen Ausbildungsvertrag gewandelt, der sie zu dem gemacht hat, was sie nun hoffentlich ist. Eine College Absolventin, mit der Aussicht, an der rechtswissenschaftlichen Fakultät der Tribhuvan Universität studieren zu können.
    Der Anlass meines Besuches war rein geschäftlicher Natur, denn der Ausbildungsvertrag begann im Juli 2013 und mein Besuch fand im Dezember 2013 statt. Dies wurde dann von Susan Gluth in Teilen gefilmt. Wegen unablässiger Störungen durch Hilfsorganisationen und andere „wichtige“ Werbemaßnahmen solcher Institutionen, geriet ihr mit uns vereinbartes Ausbildungsziel in Gefahr. Die Konsequenzen habe ich ihr aufgezeigt und mir das allgemeine Umfeld auch von ihren Lehrern, die zur gleichen Einschätzung kamen wie ich, erläutern lassen.
    Bleibt noch die Frage zu beantworten, warum jemand das tut? Vielleicht mag es daran liegen, dass auch Verantwortliche von Firmen aus dem turbokapitalistischen Umfeld der westlichen Automobilzulieferindustrie, Gerechtigkeitssinn und soziale Kompetenzen besitzen.

    Andreas Riechelmann
    Geschäftsführung
    ARI-Automotives Ingenieurgesellschaft mbH

  2. Chapeau, Andreas, für Ihr Engagement und vielen Dank für diese wesentlichen Informationen, die Sie hier nachliefern und die der Film uns vorenthalten hat. Das bestätigt meine erheblichen Zweifel an der dokumentarischen Qualität des Filmes von Susan Gluth.
    Vielleicht wird sich jetzt auch Frau Gluth selbst oder jemand von der Produktion bereit finden, die Fragen nach der Entschädigung von Frau Chaudhary und ihrer allfälligen Beteiligung an Einnahmen aus dem Film (Kino, Senderechte) zu beantworten?

  3. Lieber Stefe, was dokumentarische Qualitäten eines Kinofilms aus Sicht eines geschulten und erfahrenen Journalisten bedeuten, kann ich nicht beurteilen aber ich kann bestätigen, dass alles, was im Film gezeigt wurde, der Realität entspricht. Die Frage ist immer, wie der Zuschauer es interpretiert, ob er hinterfragt. Dazu hatte er in allen Erstvorstellungen Gelegenheit. In drei Vorstellungen war ich dabei. Kritisch gefragt hat keiner. Der Zuschauer im Allgemeinen sieht in aller Regel das, was er sehen möchte und dem kleinen besonderen Kreis, den diese Art von Dokumentationen interessieren, wurde genau das gezeigt, was er sehen wollte und sollte. Nämlich verschiedene Missstände und Menschen, die sich nicht alles gefallen lassen. Darüber hinaus, alle Hintergründe zu durchleuchten, die in einem Land wie Nepal eine primäre Rolle spielen; und Kamalari spielt eine völlig untergeordnete, unbedeutende Rolle, in einem sich seit erst zehn Jahren demokratisierenden Land, eingekeilt zwischen zwei konkurrierenden Supermächten, kann meines Erachtens ein Film, der in erster Linie eine starke und sehr eigensinnige junge Frau porträtiert, nicht leisten. Und ob Urmila nun daraus Einnahmen generiert oder nicht, ist doch wirklich egal. Ich versichere Ihnen, es geht ihr finanziell sehr gut.

  4. Hallo Andreas, unter dokumentarischer Qualität verstehe ich, dass ein Film sein Thema verbindlich behandelt. Hier geht es, falls ich das richtig gesehen habe, um das Thema Sklavschaft/Freiheit.

    Zur Freiheit gehört in unserem westlichen System der Job, der den Menschen auf eigenen Füßen stehen lässt, ist also elementarer Teil des Themas. Der ist aber von Frau Gluth gar nicht behandelt worden. Sie, Andreas, tauchen wie von mir beschrieben, lediglich als „Beifang“ auf. Ihre essentielle Funktion als Arbeitgeber von Frau Chaudhary ist schlichtweg verschwiegen worden. Das halte ich für einen erheblichen Mangel dieser Dokumentation.

    Auch die Frage nach der Entschädigung betrifft diese grundsätzliche Freiheit des selbständigen Geldverdienens, die Frage also, ob mit Frau Chaudhary für ihre Mitwirkung als Protagonistin in diesem Film gemäß dem Recht auf das eigene Bild eine angemessene Entschädigungen und Beteiligung am Erfolg (Kinoauswertung, TV-Ausstrahlung, DVD-Verkauf etc.) verhandelt worden ist oder ob sie erneut ausgebeutet wurde, so wie es der Begriff des Sklaventums nahe legt, nämlich für ’n Apple und ’n Ei. Im letzteren Falle, müsste sich der Film den Vorwurf der Scheinheiligkeit gefallen lassen (er gibt vor, sich gegen Sklaventum zu stellen, praktiziert selber aber Ausbeutung).

    Die beiden Punkte sind also wesentliche Aspekte des Themas, das der Film anhand der Titelfigur zu behandeln behauptet; sie nicht zu berücksichtigen, ist dem Film als schweren Mangel anzukreiden.

    Meine Frage war allerdings nicht die nach dem finanziellen Wohlergehen von Frau Chaudhary; aber gut zu hören, dass es ihr gut geht.

    stefe

  5. Hallo Stefe, das hier ist ja nicht Facebook oder WhatsApp, wo man sich beliebig austauscht 🙂 Ich möchte diese Plattform auch nicht überbeanspruchen.
    Dennoch möchte ich eine letzte Anmerkung dazu äußern. Ich glaube, dass essentielle Dinge, so wie der Umstand, dass Frau Chaudhary bereits seit sechs Jahren einen in Deutschland angemeldeten Arbeitsplatz besitzt und monatlich Gehalt bezieht, auf Wunsch von Frau Chaudhary weggelassen wurden.
    Die ehemaligen Kamalari sind sehr abhängig in Nepal von lokalen und internationalen Hilfsorganisationen und die haben Interessen.
    Die Anzahl der Organisationen wächst aber das weltweite Spendenaufkommen von ca. 500 Milliarden US-Dollar bleibt nahezu konstant. Das bringt die Mitleidsindustrie an der einen oder anderen Stelle in Zugzwang. Und damit auch andere.

    Aber Sie scheinen der Einzige zu sein, den das überhaupt interessiert. Denn es ist noch nie jemand auf den Gedanken gekommen, zu fragen, wo denn diese Englischkenntnisse von ihr herkommen, wie es sein kann, dass sie da im Film in eine englische Privatschule marschiert, warum sie sich eigentlich so eine Wohnung leisten kann, immerhin mit eigenem Garten und Terrasse, was es denn da genau mit dem Streik auf sich hatte, bei dem sie geschlagen wurde. Keinen interessiert das, obwohl man ganz einfach, zumindest bei dem Streik auf YouTube einen Gesamtbericht von ABC sehen kann. Der zeigt, dass sie das Parlament stürmen wollten. Aber die Menschen wollen das nicht sehen. Sie möchten einen korrupten Staat sehen, der arme kleine Mädchen schlägt. Das weiß man doch, wie die in Asien da sind und im nahen Osten und in Afrika und in Südamwerika

    Viele Grüße
    Andreas

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