Sonita

Dokumentation als Märchen, zu dessen Wahrwerdung die Dokumentaristin nachhilft. Dies legt sie offen und bietet gleichzeitig Einblick in Verhältnisse, in die wir nicht unbedingt reinkommen, in die Betreuung unbegleiteter afghanischer Flüchtlinge in Teheran.

Sonita ist ein junger Flüchtling. Der Vater ist gestorben, die Mutter in Afghanistan, einige der Geschwister sind in Iran, einige in Afghanistan.

Sonitas Traum ist es, Rapperin zu werden. Das lässt der strenge Islam in Iran nicht zu. Sonita entwirft ihren Traum in einem Oktavheft, in das sie Bilder bekannter Solisten und Rapper klebt, die sie mit ihrem Gesicht versieht.

Zum großen Konflikt für sie wird die Forderung der Familie aus Afghanistan, sie verheiraten zu lassen für 9000 Dollar, damit einer ihrer Brüder seinerseits eine Braut kaufen kann. Ihrer Mutter ist es nicht anders ergangen. Sie hat sich mit ihrem Schicksal abgefunden, 8 Kinder zur Welt gebracht und ist früh gealtert.

Dass sich die Dokumentaristin Rokhsyareh Ghaem Maghami mit Sonita eine besondere Begabung als Protagonistin für ihren Film ausgesucht hat, wird ersichtlich bei Theaterszenen im Heim, in dem Sonita wohnt. Sie sollen Szenen aus ihrem Leben mit den anderen Kindern nachstellen, zuerst so, wie es wirklich war, das belastet die Seele ziemlich, kann sie aber auch in einem Weinanfall befreien und dann so, wie sie es sich vorgestellt hätten. Bannende Inszenierung, Eindruck überbordenden Talentes.

Beinah wäre der Dokumentaristin ihr Objekt abhanden gekommen; die Mutter kommt aus Afghanistan zu Besuch und möchte die Tochter zur Verheiratung mitnehmen. Für 2000 Dollar würde sie sie noch zwei Monate da lassen. Ob das Dokumentarfilmteam die aufbringt?

Hier wird kurz pausiert für einen Diskurs darüber, was Dokumentarfilmerei darf, nämlich die Realität zeigen, nicht aber in sie eingreifen. Die Filmerin schlägt trotzdem einen Deal vor, macht die 2000 Dollar locker und rettet damit das Märchen für den Film und so auch den Film. Dieser bietet Einblicke in den unsicheren Alltag von Flüchtlingen, die leicht ihre Wohung verlieren können, die nur provisorisch eingerichtet leben, aber auch in eine Betreuungsinstitution in Teheran, die sich kümmert um die oft traumatisierten Flüchtlinge. Sichtbar werden die Machtstrukturen und politische Lage in Iran und in Afghanistan. Man kann nur lachen darüber, dass Afghanistan für die Bundesregierung ein sicherer Drittstaat sein soll.

Mit den 2000 Dollar an die Mutter holt die Filmemacherin zwei Monate mehr Drehzeit heraus. Diese nutzt sie, um ein Demotape von Sonita nach Amerika zu schicken. Tatsächlich wird ihr daraufhin ein Stipendium offeriert. Das ist die andere Seite der Amerikaner, großzügig Talente fördern, und so Balsam auf die Wunden streichen, die die kopflosen Kriege in Afghanistan und Irak angerichtet haben.

Wobei die Beschaffung eines Passes in Afghanistan ein eigenes Abenteuer mit ungewissem Ausgang ist; besonders schwierig für eine junge Frau, die keine Papiere hat und als Flüchtling illegal in Persien lebt.

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