Mein Praktikum in Kanada

Wenn Demokratie so leicht wäre, wie Philippe Falardeau sie hier wunderbar leicht darstellt, dann wäre sie tatsächlich ein Leichtes.

Falardeaus letzter Film, Monsieur Lazhar, war nicht ganz so leicht, hat einen Schmerzpunkt getroffen. Diesmal unterhält Falardeau uns leicht und lustig, fast launig mit den chronischen Anfälligkeiten der Demokratie.

Falardeau setzt der gesättigten, eingeschmierten auf Äußerliches und Formelles reduzierten und von Aushöhlung bedrohten Demokratie ihr ursprüngliches Ideal entgegen, das hier vertreten wird durch Rousseau, Montesquieu und Tocqueville, gelesen und zitiert von der Hauptfigur Souverain Pascal, wunderbar politisch blauäugig aber schnell raffiniert und mit Einsprengseln von Slapstick gespielt von Irdens Exantus.

Souverain ist intellektueller Nachwuchs aus Haiti, hat Politikwissenschaft studiert und die Lektionen der Demokratie gelernt. Er möchte sie jetzt als Praktikant in Kanada in der Praxis erfahren und studieren. Zu diesem Behufe hat er Unmengen von mehrseitigen Bewerbungen verschickt. Der einzige, der überhaupt geantwortet hat, ist der Provinzpolitiker Steve Guibord, ein ehemaliger Eishockeynationalspieler, der wegen einer Aviophobie seine politischen Ambitionen auf mit Auto oder Schiff erreichbare, regionale Größenordnungen beschränken muss.

Guibord wird sympathisch und leicht botoxhaft von Patrick Huard gespielt in Jeans und Karohemd und gerne einem Baum zum Pflanzen auf dem Autodach. Aber das ist so eine Aktion, die immer wieder zurückgestellt werden muss, denn plötzlich steht Guibord im Fokus nicht nur der kanadischen, sondern der internationalen Politik.

Es geht um einen, so wird es im Film erzählt, künftigen Auslandseinsatz der kanadischen Armee. Im Parlament steht ein Patt bevor, weil eine Abgeordnete erkrankt sei. Guibord, über den sich auf kanadisch-französisch auch Wortspiele machen lassen, wird das Zünglein an der Waage spielen, für oder gegen den Einsatz.
Viele Interessen und Interessengruppen nagen an ihm. Sogar der Premier lädt ihn ein, eine eindrücklich schräge Szene, in der die Musik von Scaralatti dominiert. Souverain wird schnell zum Spin-Doctor des überforderten Provinzpolitikers avancieren.

Der Praktikant hat die glückliche Idee mit der Befragung der Wähler, denn Guibord steckt im Dilemma, dass er persönlich gegen den Krieg votieren würde, die Regierung von ihm aber eine Pro-Stimme erwartet und ihn mit einem Ministerposten ködert. Wodurch der Startschuss zu einem kleinen Roadmovie durch die Provinz Prescott-Makadewá-Rapides-aux-Outardes gegeben wird, was einen Einblick in die Probleme des Bergbaus, des Raubbaus am Wald, der indigenen Algonkin (die ein Wigwam und nicht ein Tipi benutzen) und zu wunderbaren Flugaufnahmen über die weiten Wälder und Seen mit sich bringt.

Sein Wahlkampfteam besteht aus seiner Familie. Der ehrgeizigen, gesichtsgeschliffenen Gattin Suzanne, Suzanne Clément, die selbst eine Baumschule betreibt, der kumpelhaften, rundlichen Tochter Lune, wie der Mond, friedensbewegt dargestellt von Clémence Dufresne-Deslières, sie sorgt für die Internetpräsenz von Papa und will ins Ausland nach Dänemark, allesamt schön herausgearbeitete Charaktere, die zur Zuspitzung der Konflikte das ihre beitragen. Mit leichten Regiedirektiven werden die Schauspieler zu schönen Charakteridfferenzierungen geleitet.

Der Praktikant gibt seine Demokratielektion aus Kanada per Skype an eine stetig wachsende Zuhörerschaft in Haiti weiter. Diese wiederum erteilt ihm Ratschläge und ist überzeugt, am Drücker der Weltpolitik zu sitzen.

Zur Untermalung mit teils indianischen, teils haitischen Klängen kommen die wunderbaren Sprachlaute des kanadischen Französisch, des Quebecois hinzu, teils ins Ordinäre abdriftend und dadurch eine schräge Sprachmusik erzeugend; bitte keine deutsche Nachsynchronisation.

Neckisch gelegen ist auch das Hauptquartier des Abgeordneten Guibord direkt über einem Ladengeschäft mit pikanten Dessous „Les Dessous petillantes“ (prickelnde Unterwäsche). Zu seinem Büro muss man durch diesen Laden hindurch. Hier wird Politik nicht zur Kunst des Möglichen, sondern des Unmöglich-Möglichen stilisiert, mit viel humoristischem Beifang.

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