Ein Faszinosum ist es, wenn ein vorgeblich zwölfjähriges, vietnamesisches Mädchen, Linh, eine erwachsene Frau spielt, die für ihre kleine, widerborstige 9-jährige Schwester Vater und Mutter und Versorgerin zugleich darstellt und dazu noch selbstständig einen Asia-Imbiss führen muss, weil die Mutter in Vietnam bei ihrem kranken Vater ist.

Gegen dieses perfekte Management und Strebertum, Linh möchte auf das Gymnasium, rebelliert die kleine Schwester Thien mit Ungehorsam, sie löst in der Schule den Feueralarm mutwillig aus, weil sie von der Lehrerin geschimpft worden ist, tritt einer Lehrkraft ans Schienbein oder veranstaltet mit älteren Jungs zuhause wilde Party, während Linh nicht da ist. Die Polizei ist den beiden auf den Fersen. Aber die ist ja dumm. Diese beiden Prachtsexemplare von Leinwandmädchen sind umrahmt von einer Fernsehbemühung, die sich „Initiative für den besonderen Kinderfilm“ nennt.

Der Film spielt in Halle an der Saale in Sachsen-Anhalt. Ossiland und in ihm sind viele erwachsene und auch jugendliche Ossiprols. Die beiden Mädchen wohnen im Wohnsilo an der Unstruttstr. 10. Die Umgebung besteht aus weiteren Wohnhochhäusern. Und keine Pegida weit und breit.

Die Story von Antonia Rothe und Katrin Milhahn bemüht sich, eine Krimihandlung und die Entwicklung einer integrativen Freundschaft in Gang zu setzen. Das bemüht sie sich ganz deutlich.

Ein rothaariges Mädchen, Pauline wird von den Autorinnen erfunden (Vorbild die Rote Zora, aber nicht ansatzweise erreicht), wohnt mit Ossi-Prol-Eltern im Hochhaus gegenüber, betreibt von seinem Fenster aus mit einem Fernrohr „Spionage“. Und erinnert so ein bisschen an Hitchcocks „Das Fenster zu Hof“ oder an ein Theaterstück von Botho Strauß „Groß und Klein“. Vertieft wird die Assoziation nicht; dieses Spionage-Konstrukt dient lediglich dazu, dass Pauline die Vietnammädchen beim Geldverstauen beobachtet und diese nun erpresst, ein Einfall wie aus der Luft ihr zugeflogen – warum sie Geld braucht wird nicht klar, wir wissen über sie lediglich, dass sie nicht auf das Gymnasium will, im Gegensatz zu Linh.

Aus dem Erpresserversuch bahnt sich, es soll ja ein besonderer Kinderfilm werden, eine Freundschaft zwischen Linh und Pauline an; die kleine Schwester als Anhängsel; man gründet ein Bande. Beschworen wird diese mit einem Schluck Limo, in welche die Mädchen vorher reingespuckt haben; der Schnitt zwischen Spucken und Schlucken ist so überdeutlich lang, dass keiner Angst haben muss, eines der Mädchen habe wirklich Spucke vom anderen getrunken.

Die Inszenierung von Norbert Lechner wirkt bedacht, so glatt wie ein professionell gebügeltes und zusammengelegtes Hemd.

Lechner verstand mit seinem Film Tom und Hacke zu gefallen; dort hatte er ein besser verfugtes Drehbuch, das sich nicht nach dem TV-Anspruch des besonderen Kinderfilmes strecken musste. Die Sprache der Kinder inszeniert er mit diesem merkwürdigen Zielwort-Betonungsduktus; auch müssen die Kinder Sätze sagen, die deutlich von Erwachsenen geschrieben worden sind.

Die Mutter, von der es heißt, dass ihr die Abschiebung drohe, fliegt allerdings problemlos nach Vietnam und später auch, so viel darf gespoilert werden, wieder zurück; bis es soweit ist schlingert die Geschichte zwischen Aufrechterhaltung des Scheins der intakten Familienverhältnisse der beiden Mädchen vor Sozialarbeiterin, Polizei, diebischen, älteren Buben und Schule; und auch vor der vietnamesischen Mafia mit dem Abliefern des Geldes und als Teil dieser Aktivitäten der Suche nach dem unbekannten, leiblichen Vater.

Aus heiterem Himmel feiert der ganze Wohnblock den 9. Geburtstag von Thien; aus allen Stockwerken flattern die Konfettis – bis dahin hatten die beiden keinen Kontakt zu den Nachbarn. Pure Drehbucherfindung des erhofft schönen Effektes wegen, der viel verliert, weil er vollkommen aus der Luft gegriffen ist, Effekt um des Effektes wegen.

So fügt sich denn in diesem Film so keines recht zum anderen und falls die Message des Filmes auf einen Zettel in einem Glückskecks passen müsste, würde sie heißen, wir wollen hier einen pädagogisch besonders wertvollen und für Fernsehredakteure verständlichen und nachvollziehbaren Kinderfilm machen. Anzufügen wäre: obwohl wir überhaupt nicht wissen, wie. – Vielleicht hätte man einfach die Kinder machen lassen sollen. Oder vielleicht auch der Keksspruch: Lasst uns gute Menschen sein.

Schöne Wortübung von Linh mit ihrer Mutter: sag mal Cello Checker Tschechien Ciao Tschüss.
Kindersprech zum vermeintlichen Vater: Sie haben schon einmal gelogen, was hindert Sie daran, ein zweites Mal zu lügen.
Kindersprech: Andere Leute sind dir völlig egal, Hauptsache, du hast deinen Kick.

Als Zwangsfinanzierer dieses Filmes meine ich, nein, so einen Krampf würde ich nie und nimmer im Leben finanzieren. Rote Karte des Zwangsgebührenzahlers für diesen öffentlich-rechtlichen Kinderkinoauswuchs.

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