The Witch

Mit heiligem Ernst

Mit heiligem Ernst zeichnet Robert Eggers Siedler in Neu England, die mit heiligem Ernst gute, ehrliche Christen sein wollen, und dabei einem ungebremsten Fanatismus anheim fallen.

Mit heiligem Ernst und ausgebleichten Farben, mit dem Ernst eines romantischen Malers, bei dem der Mensch in der Natur aufgehoben ist, pinselt Eggers das isolierte Leben der Familie des vierschrötigen William mit tiefer Stimme und Jesus-Frisur fein ziseliert auf die Leinwand als ein Sujet, das besonderer Hingabe und Feinheit bedarf.

Gerne heißt es in Filmen „nach einer wahren Begebenheit“. Robert Eggers kommentiert seinen eigenen Film damit, dass er für sein Drehbuch Märchen aus Neuengland genommen habe und aus denen teils wörtliche Zitate für die Dialoge. Eine Wahrheit also, bei der es heißt, doppelt vorsichtig sein oder es bleibt zu vermuten, dass der Kern wahrer sein könnte als jedes Märchen mit der Moral, dass Isolation Menschen verhexen kann.

Die Siedlerfamilie steht im Mittelpunkt der Handlung. Es sind ganz strenge Christen, ultraorthodox. In den Wald darf man nicht, der ist verhext. Die Familie ist arm dazu, wohnt in einem abseitigen Gehöft; niemand besucht sie.

Der Sohn Sam ist abhanden gekommen. Er ist in den Wald gelaufen und kam nicht zurück. Unfassbar für bibeltreue Christen. Ein Sündenbock muss her. Ob das ironisch ist, dass sie auf dem Gehöft einen schwarzen Geißbock haben? Eher nicht.

Die Familie ist besessen von der Angst vor Sünde. Tochter Tomasin, Anya Talor-Joy, bereits erwachsen, fühlt sich sündig. Sie hat den Vater zu einem Ausflug in den Wald begleitet. Er will mit Jagen gegen den Hunger ankämpfen. Die Mutter darf davon nichts wissen. Die Lüge zum Überleben als weitere Sünde. Der Überlebenstrieb, der Hunger macht sündig. Die Strafe folgt auf dem Fuße: der kleiner Bruder Caleb, der ausdrucksstarke Harvey Scrimshaw, eine Frauenerscheinung, bekommt Krämpfe, ringt mit dem Tod, spuckt einen Apfel aus.

Nach einem Apfel sehnt sich die sündophobe Familie wie nach nichts. Aber der Bub muss dafür an der Schläfe zur Ader gelassen werden. Vater William, Ralph Ineson, ist ein gutmütiger Trottel mit tiefer, vielleicht etwas zu freier deutscher Synchronstimme. William möchte das ehrbare Leben seiner Frau nicht gefährden, darum jagt er heimlich.

Faszinierend an diesem Horrorfilm ist seine Dezenz, seine Lauterkeit wie seine Lautarmut, das sind seine Sätze, die teils wie aus einem Märchenbuch sich anhören, ist seine malerische Ausstattung, eine Art verhaltener Natur- und Interieurromantizismus ohne knallige Farben wie Gelb, Rot, Blau, Grün, die sind ganz weg; das Gemäldehafte dominiert; Vater William sieht aus wie Albrecht Dürer; auf die Idee kommt man, wenn er im Wald versucht, einen Hasen zu schießen. Der sieht, während er in den Lauf der Flinte starrt, genau so aus wie auf der berühmten Zeichnung des Nürnbergers.

Auch das Hexenhafte, das Sündige, das Verbrechererische, welches alles im Namen des Glaubens und der Glaubensgtreue passiert, kommt gemäldehaft schön und diskret daher, anfangs nackte Frauen, wie aus der Natur entsprungen und in ihr aufgehend, ganz unaufgeregt.

Das Thema Hexerei ist ein Dauerthema in der Familie. Denn auch Sam sei von einer Hexe geholt worden. Die Familie ist gefangen in ihrer Glaubenswelt, die Elementares tabusiert und so gefährlich macht.

Die deutsche Synchronfassung passt sich dezent in den leisen Film ein, in dem das Ungeheuerliche mal nur als schwarzer Handschuh über die Schultern eines Frauenkopfes mit langem Haar vor dunklem Hintergrund sichtbar wird.

Isolation führt zu Extremismus. Wahrheitsfanatismus, der erkennt, dass einer nicht beten kann, dass die Mutter zur Selbsterkenntnis des zänkischen Weibes gelangt. Dieser Versuch der Rechtgläubigkeit führt immer wieder zu dramatischen Szenen und Auseinandersetzungen.

Oder wollt sich gar einer einen Jux machen mit dem heiligen Ernst?

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