Nur Fliegen ist schöner

Nach dem Kinobesuch fällt mir ein Werbeprospekt im Schaufenster eines Reisebüros auf: Traumreisen. Genau so eine habe ich doch eben hinter mir; im Kino, im Film des Franzosen Bruno Podalydès.

Es ist wie ein Sekundentraum. Du sitzt vorm Computer, der Screensaver ist ein unaufhörlicher, graphischer Wellengang. In diese Wellen hinein sackst Du ab in die Träumerei des Bruno Podalydès, der hier Michel heißt, gut verheiratet ist, zwei erwachsene Söhne und einen Job in einer Designbude hat.

Mit Michel tauchen wir ein in diese tiefenentspannte Sekundenträumerei, die 104 angenehme Kinominuten einnimmt, die uns den Traum von der Leichtigkeit, von der Einheit zwischen Physis und Psyche erfüllt.

Vom Fliegen hat er immer geträumt. Jetzt mit 50 scheint der Traum virulenter zu werden: gegen die Behäbigkeit der Gewohnheit, des Alltagsglücks, des gerundeten Bauches. Aber die Flugangst ist stärker. Es bleibt bei der Verehrung des Flugpioniers Mermoz, der auch Saint Exupéry inspiriert hat.

Die Kausalkette zur Reaktivierung des Traumes baut Podalydès, der selbst die Hauptrolle spielt, ausgehend vom nachdenklich machenden Geburtstag über Geistessport auf der Suche nach Palindromen. Dabei stößt er googelnder Weise auf das ihn sofort elektrisierende Nomen „Kajak“.

Die nächsten Schritte sind zwingend. Bausatz für einen Kajak bestellen, das Boot bauen, Trockenübungen auf dem Hausdach; die sind zum Abheben schön: das Memorieren des Traumes von der Leichtigkeit.

Allerdings würde Michel ohne seine Frau den Kick-Off nicht schaffen. Die hat ein Eigeninteresse daran, sie möchte sich auf den Yoga-Kurs konzentrieren – jedoch just nicht dort, wo er vermutet. Allerdings stammen seine sms‘ und Fotos auch nicht unbedingt von dort, wo er vorgibt zu sein.

In seinem Traum, in der Kajakfahrt, entsteht so etwas wie eine Wiederholungsschlaufe. Er bleibt schon nach 4 Kilometern hängen an einem idyllischen Ort am Fluss, bei einem kleinen Restaurant, was von der matronenhaften Agnès Jaoui betrieben wird. Wobei Podalydès keck genug ist, sie an einer Stelle wunderschön wie eine pralle Venus von Rubens ins Bild zu setzen, mit Post-It-Zetteln an den delikaten Stellen versehen, was hier oder da anzustellen sei. Bildgenuss auch bei den Naturaufnahmen. Das ruhige Paddeln im Fluss.

Ein Film, bei dem der Zuschauer nicht mit mühsamer Plotrekonstruktion beschäftigt ist, sondern sich diesem ganz und gar anvertrauen kann, weil er keine Fallen stellt, sich reinziehen lassen und tragen lassen kann. Alles ohne den verbissenen Ernst, mit dem manche Entspannungsphilosophen ein hartes Regiment führen.

Hier ist auch Platz für komische Situationen und Figuren, ja für tragikomische wie Mila, Vimala Pons, die immer bei Regen einen Tränenschub kriegt, oder die beiden Floßbauer, die Hof-Faktoten bei Jaoui, die eine Fähre nach Nirgendwo bauen oder der alte Fischer, der sich durch den Paddler massiv gestört fühlt.

Dann geht es doch nur um die Venus, wie im Chanson, die aus einer Laune heraus geboren ist und dann wächst wie die Kirschen.

Die Sorgfalt, mit der Podalydès seinen Film gemacht hat, zeigt sich in der vernarrten Liebe zu Details, zu einem orangenen, altmodischen Rundfunkempfänger, der in einem Baum hängt oder zu dem 2“-Zelt, das sich in zwei Sekunden öffnet; das wirft Michel in zusammengelegtem Zustand in die Luft über den Bildrand hinaus – und herunter kommt das fertige geöffnete Zelt. Oder, schönes Symbol, ein Geschenk, was Michel zum Geburtstag bekommt, das ist eine Stehlampe mit dem Lampenschirm in Form eines aufgeblähten Luftsackes, wie er auf Flughäfen Verwendung findet. Keine Gags mit dem Holzhammer, alles ergibt sich aus einer entspannten Atmosphäre heraus und wie selbstverständlich.

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