Die Prüfung

Bericht von Till Harms von den Aufnahmeritualen einer Schauspielerschule mit 10 Dozenten in Hannover. Harms beschränkt sich darauf, während der Verfahrenstage Mäuschen zu spielen und angenehm wenig Statements von Beteiligten einzusammeln. Sein Material schneidet er flüssig und spannend aneinander; es dürfte vornehmlich für Insider und allenfalls Kulturphilosophen von Interesse sein.

Es gibt Hunderte von Bewerbern und Bewerberinnen für zehn Studienplätze. Es gibt mehrere im Anspruch sich steigernde Runden. Nach jeder Runde wird gesiebt. Es ist ein großer bürokratischer Aufwand, es gibt verschiedene Kommissionen.

Und immer wieder wunderschön graue Bilder, teils verschneit, von einer Straßenbahnstation im Niemandsland, so wie auch dieses Institut wirkt wie ein Biotop für sich, wie ein Ballon. Immer wieder kommen viele an und reisen andere ab, ihre Rollköfferchen ziehend. Das sind die Scharnierszenen, die Hannoveraner Oedland-Poesie verbreiten.

Man kann versuchen, den Film kulturkritisch zu betrachten, sich klar zu machen, dass dieser Lehrkörper darüber entscheidet, ob diese jungen Menschen einen begehrten Studienplatz für eine Karriere, bei der Berühmtheit und Startum mögliche Ziele sind, erhalten.

Man kann sich wundern über die Argumente, die diese Menschenrichter austauschen, man fragt sich, woher diese die Qualifikation nehmen für solche Urteile und ob sie es sind, die darüber entscheiden, aus was für Personal unsere nächsten deutschen Komödien bestückt werden.

Oder man kann beruhigt feststellen, dass letztlich Sympathie und erotische Anziehung die ausschlaggebenden Kriterien sind; wobei so ein Lehrkörper aus vielfältigen, teils divergierenden Eigenschaften und Vorlieben sich zusammensetzt.

Oder man kann sich darüber wundern, wie sie einen Kandidaten ablehnen, weil er nicht richtig atmen würde, als ob es nicht die Aufgabe so einer Schule sei, die Studenten von solchen Hemmnissen zu befreien.

Interessieren würden Background und Motivation des Lehrkörpers. Ob die das schon immer wollten oder ob dieser Job lediglich Ersatz für nicht erfüllte, eigene Künstlerwünsche ist?

All die Fragen interessieren Harms nicht. Man könnte ihn einen nüchternen Präparator nennen. Seine Meinung muss der Zuschauer selber bilden. Der Film bleibt insiderisch; er endet an einer Haltestelle des öffentlichen Nahverkehrs im niedersächsischen Niemandsland. Er zeigt das komplizierte Prozedere, die Mühsal, die so eine Schule sich aufhalst, um sich für die letztlich doch beliebig erscheinende Auswahl zu rechtfertigen, fragt nicht nach den Begründungen für das Verfahren und ob es nicht auch ganz andere Möglichkeiten gäbe, denn angenehm ist es weder für die Abgelehnten noch für die Ablehner; diese Grundsituation verbreitet in mir ein flaues Gefühl.

Bösartig könnte man sogar behaupten, glücklich, wer in Hannover nicht genommen wird – oder möchten Sie jahrelang von diesem Lehrkörper kujoniert werden?

Es gibt gegen Ende Statements, die ganz offensichtlich der Selbstüberzeugung der Lehrkörpers dienen. Denn wie will er aufgrund dieser Übungen und Vorsprechen sicher sein, ob ein Student „ausbildbar“ sei, ein Begriff, der dringend näherer Untersuchung bedürfte, der aber hier als nicht weiter hinterfragbar eingesetzt wird.

Nicht zu vergessen: in wie vielen Künstlerbiographien, ob Schauspieler oder Regisseure, steht zu lesen, dass sie an solchen Instituten durchs Band abgelehnt worden sind oder diese spätestens nach einem Semester verlasssen haben, freiwillig oder auch nicht.

Das ist vielleicht der krasseste Widerspruch: einerseits will der Lehrköper Menschen, die „ausbildbar“ sind, andererseits sollen die Studenten künstlerische Autorität entwickeln und nicht Untertanentum; darauf läuft allerdings diese Art von Verfahren zielbewusst hinaus. Worin liegt also die Kompetenz des Schwarmurteils eines Lehrkörpers?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.