Kino als Schnipseljagd und Schnipselaneinanderkleisterunternehmen, Kino als kommentierte Menükarte zu Leben und Werk des israelischen Tänzers und Choreographen Ohad Naharin.
Der Schnipseljäger und -aneinanderreiher ist Tom Heyman, mitfinanziert und damit wohl die asthmatische Kurzszenenfrequenterei befördert haben arte und ZDF; der Gebührenzahler wird’s richten.
Heyman hat zwar mit Naharin ein hochspannendes Objekt vor der Linse und als Leitfaden zur Archivfootagesuche.
Naharin selbst hat ein Narrativ für seine Kunst, das erwähnt er an einer Stelle selbst, Tanz soll nicht lediglich die Einübung von Schritt- und Bewegungsfolgen sein. Dieses Narrativ überträgt sich auf den Film, trägt diesen vielleicht so, dass er sich über ein paar Vorstellungen wenigstens als Matineefilm halten kann.
Naharins Narrativ, alles wird immer mit Super-Acht-Ausschnitten, mit anderem Archivfootage und vielen, allzu knappen Ausschnitten aus Choreographien und mit Statements von Tänzern, Vorbildern, Eltern untermauert, beginnt in einem Kibbuz, einem Menschengewühl, wo alle Kinder nackt herumrennen; diese Menschenhaufen tauchen gerne auf in seinen Choreographien, der Mensch aufgehoben im Menschenschwarm, in der Hitze und Anschmiegsamkeit, in dem Einheitsgefühl des Gruppe.
Zur Begründung des Tanzes führt Naharin die Story von seinem unzugänglichen Zwillingsbruder an, der nur durch Tanz aus seiner Isolation herauszureißen war und wie die Oma nicht mehr getanzt hat, hat Ohad das übernommen.
Extreme Eindrücke ergibt die Militärzeit während des Yom-Kippur-Krieges, die Toten und die toten Altersgenossen; er ist dort als Entertainer engagiert. Er fängt spät erst mit dem Tanzen an.
Schnell fällt er auf, kommt mit Martha Graham in Kontakt. Ihr folgt er nach New York. Mit 22 erst holt er bei Maurice Béjart in einem qualvoll harten Jahr die tänzerische Grundausbildung nach, zu seinem Vorteil, wie er meint, so spät.
Bald fängt er selbst mit Choreographien und kleineren Compagnien an. Kann seine mediterrane „spine“, fast feminin zu nennende Wirbeligkeit ausleben.
Heirat mir Mari. Rückkehr nach Israel und Übernahme der Betsheva-Tanzkompanie. Mari fühlt sich nie wohl in Israel, er aber lebt auf, sie hat ihre Uhrzeit von New York nie umgestellt. Sie stirbt mit 50 an Krebs. Kinderlos. Ihre Nachfolgerin ist ebenfalls Asiatin. Mit ihr hat er ein Kind. Das ist eine entzückende Szene, wie das Kind eine Probe aufmischt.
Er gibt Workshops mit sehr vielen Teilnehmern. Wie viel das kostet, wie überhaupt die finanzielle Seite einer solchen Arbeit aussieht, das findet diese Art von verehrender Dokumentation nicht der Rede wert.
Eindrücklich ist die Politaffäre anlässlich der Choreographie zum Festakt des 50jährigen Staatsjubiläums von Israel: weil das Kostüm der Tänzer eine Art Unterwäsche-Symbol ist, wollen religiöse Kreise andere Kostüme. Daraufhin weigert sich die Kompagnie aufzutreten; hat den Skandal, der sie berühmt macht wie nie und auch den entsprechenden Support.
Im Abspann wird noch eine Riesenwühlkiste an Footage angehängt, die die Arbeit des Zuschauers, sich ein klares Bild von diesem aufregenden Tänzer und seinen sensationellen Choreographien zu machen, nicht erleichtern.