Das Ende einer Bubenzeit.
Als stochere Ruhrgebietskinoaltmeister Adolf Winkelmann in den Erinnerungen an die eigene Kindheit vor etwa fünf Jahrzehnten im Kohlerevier; Grundlage des Drehbuches ist der Roman von Ralf Rothmann.
Der Vater ist Kumpel im Bergbau. Die Bilder sind wie aus einem Film der 50er Jahre, oft Schwarz-Weiß, die Frames wechselnd, als hätte die Erinnerung an diese oder jene Situation oder Begebenheit unterschiedliche Qualitäten und Quellen, als nehme sie unterschiedlichen Raum ein. Aber alle Bilder sind von derselben erzählerischen und ausstatterischen Sorgfalt. Und es macht nur einen Mü Unterschied, wenn Schauspieler von heute Menschen von vor 50 oder mehr Jahren spielen müssen.
Die zentrale Figur ist der zarte, hübsche, ephebenhafte Bub Julian, zwölf Jahre alt, oder er korrigiert: bald dreizehn; kurz vorm Platzen der Pubertät. Geschlechtlichkeit findet immer ihren Weg.
Der Nachbar im Haus, Herr Gorny fühlt sich mächtig angezogen von dem Jungen, schenkt ihm eine Kamera, ist enttäuscht, dass er einen Hund und nicht andere Buben fotografiert, bietet ihm an, nachts zu ihm runter zu kommen, wenn der Vater arbeitet. Der ist im Bergbau.
Die Mutter ist zur Kur. Sie hat ein seelisches Leiden. So etwas zu erklären fällt nicht leicht in so einem Haushalt. Die Mutter muss auch ihre Geschichte haben, dass sie ihren Buben, der mit einer gefährlich sinnlich-kurzen Lederhose rumläuft, die diese wachstumsbedingt in die Länge gezogenen Beine auffällig zur Geltung bringen, mit der Holzkelle verprügelt, bis diese bricht. Denn er haut auch mal von der Schule ab. Etwas treibt ihn um. Er weiß selber nicht was, wie auch.
Julian beobachtet seine Schwester, die von einem anderen Vater stammt und fast volljährig ist. Sie geht mit Geschlechtlichem locker um. Einmal kommt auch der Vater aus ihrem Zimmer über den Balkon zurück in die Wohnung, weil Julian die Tür von innen abgesperrt hat. Von älteren Buben hört Julian Texte, die er sich noch nicht richtig zusammenreimen kann.
Winkelmann betört nicht primär mit einer stringent spannende, Geschichte, sondern durch sein behutsames Herauspuhlen der Erinnerung an einen extrem diffizilen Punkt in der Jugend, an einen extrem sinnlichen und wachen Moment, an einem Moment, in welchem der Bub spürt, dass etwas passieren wird, dass etwas auf ihn zukommt, was ihn unruhig macht, rumstreunen lässt.
Dazu gehört die Begegnung mit dem Tod. Der ist auch in anderen Texten präsent, wenn in einem Flöz zu viel herausgebohrt wird, kann sich ein Sargdeckel darüber legen.
Auf die Sensibilität des Jungen wird hingewiesen mit der Bemerkung, er zeichne Tiere. Dann gibt es wieder fast feminine Aktionen, wie Julian dem Vater das Hemd zuknöpft oder ihm die Schuhe schnürt, wie er ihm das Brot streicht.
Eindrücklich ist die Fahrt aus der Grube mit dem Lift an die Oberfläche, die Angaben, Sole 4, Sole 3. Hier wird das präzise Kinohandwerk von Winkelmann deutlich, das sich nicht um Moden schert.
In der Schule waren Schläge auf die Hand noch üblich. Aber die Schüler hatten ihre Revanche. Einer erleidet es süffisant und fragt, ob er nicht noch mehr haben könne, ein frühreifer Masochist? Der Film wirkt wie ein zutiefst persönlicher Bericht mit Bildern aus einer zu Ende gehenden Kindheit, die sich eingebrannt haben.