Über Fatalismus
Am 26. April vor 30 Jahren um 2 Uhr nachts ereignete sich die Kernkraftkatastrophe von Tschernobyl.
Alexander Kluge macht sich mit einem Potpourri von Beiträgen Gedanken zu dem Thema in gepflegter, essayistischer Manier, unterhaltsam und anregend, konzentrieren muss man sich vor allem beim Lesen der bunten Texttafeln.
Archivmaterial kommt zu Interviews mit gepflegter Simultanübersetzung.
Kluges Interessenspanne erstreckt sich von der Situation unmittelbar nach der Katastrophe bis zu Flüchtlingen, die sich inzwischen in der kontaminierten Sperrzone angesiedelt haben, die Schrecken von Krieg vor Augen lassen Pilze aus der Gegend harmlos erscheinen.
Kluge interviewt den ersten Fotografen, der schon kurz nach dem Unglück Fotos von den ersten Bergungsarbeiten geschossen hat, den Chef des Überwachungsteams, Augenzeugen aus der Nachbarschaft, die die Fenster geschlossen und weiter geschlafen haben, Bestatter, die hochkontaminierte Leichen begruben, Ärzte, die mit den Folgen konfrontiert sind und er berichtet von der Suche nach dem Reaktorkern und dem Fusionsmaterial, über Missbildungen bei Tieren und Menschen.
Es gibt Tapferkeitsdiplome für die Freiwilligen der Roten Armee, die sich als Dachläufer kurze Zeit hoher Strahlendosis ausgesetzt haben, um verstrahltes Material vom Dach zu werfen, es gibt den Jägerverein, der verstrahlte Hunde liquidierte, nicht aber Rehe und andere Tiere, man sieht „Liquidatoren“ sich in ihre Anzüge einbinden, man erhält die Schilderung der Folgen, die ein Mensch spüren kann, und zwischendrin gibts kurz und schmerzlos einen thematischen Querverweis zu Schiller oder Shakespeare und dann die Firma Bechtel, die in Tschernobyl das geschafft hat, was sie bei den Twin-Towers in New York nicht durfte: ein großes Bogengehäuse über den Sarkophag legen, das zwar nicht gegen Radiokativität abschirmt, aber gegen das Wetter.
Da das alles mit Schicksalshaftigkeit zu tun hat, stellt Kluge als Fazit (ironisch?) anhand von Verdrängungszyklen die Frage, ob Flechte oder Rentier lernfähig seien und stellt fest, dass wir das nicht wissen können, aber wir würden sehen, dass sie überleben – beide. Warum soll der Mensch das nicht auch tun, denn ob er lernfähig ist oder nicht, vielleicht überlebt er den Umgang mit der Atomkraft. Womit Kluge unserer Welt mit ihrem Rationalismus und dem Glauben an Planbarkeit und Beherrschbarkeit den Fatalismus als nicht zu unterschätzendes Agens entgegensetzt (und trifft hochaktuell ins Schwarze: ist es etwas anderes als Fatalismus, wenn die Bundesregierung der bequemen und betrügerischen Autoindustrie mit ihren bonusgierigen Vorständen eine Milliarde Euro aus Steuergeldern zuschiebt unter dem Vorwand der Ankurbelung des Verkaufs der noch lange nicht sauberen Elektromobilität? Oder ist hier schon die Grenze zum politischen Selbstmord überschritten?).