Wer hat Angst vor Sibylle Berg?

Schöner Verenden.

Ihr geht es nicht um das schöner Wohnen, obwohl mehrere Hausbesichtigungen in dieser Dokumentation just darauf schließen lassen, nein, Sibylle Berg, das Kunstobjekt des Interesses von Wiltrud Baier und Sigrun Köhler, spricht lieber vom „Verenden“.

Verenden in L.A. in dem berühmten Lautner-Haus, das wäre etwas. Mit dessen Besichtigung fängt der Film an. Und damit auch das Thema des Verendens, eine Diktion, die charakteristisch für Frau Berg zu sein scheint, die die beiden Dokumentaristinnen als „Doku-Schlampen“ tituliert, was diese wiederum ungerührt drin lassen im Film und so beweisen, dass sie Frau Berg kapiert und dazu noch Humor haben.

Solcher Autorinnen-Sprech scheint Teil der Selbstinszenierung, der Schriftstellerinnen-Show der bekannten Autorin, die aus der Ex-DDR stammt und die, um sich ein angemessenes Verenden leisten zu können, vermutlich andere, weniger beknackte Texte schreiben müsste und höhere Auflagen anstreben.

Das sei hier erlaubt, ihre Texte, ihre Wortfreiheit sich zu eigen machen, als beknackt zu apostrophieren, einige davon sind zu hören und die Anstrengung, sie zu performen, zu sehen, hört sich im chorischen Sprechen kraftvoll an, um Augenhöhe vorzutäuschen und dass man die Berg kapiert habe.

Was wäre eine Schriftstellerin ohne ihre Show, was wäre Sibylle Berg ohne ihre Show? Vermutlich nicht allzu ergiebig für einen Dokumentarfilm. Angst vor ihr braucht keiner haben. Die Show dürfte Schutz für einen hochsensiblen Menschen sein, der erzählt, wie sie als Kind Angst vor Geräuschen gehabt hatte, eine extreme Geräuschempfindlichkeit. Lieber geräuschvoll durchs Leben eilen als unter Geräuschen leiden, mag sie als Devise entwickelt haben.

An ihrem Traumhaus zum schöneren Verenden arbeitet sie weiter. Sie wirbt in einem ihrer Bücher sogar damit auf einer der ersten Innenseiten, man möchte es kaufen, und damit einen Baustein zu ihrem Haus beitragen.

Nebst dem Schöner-Wohnen-Teil des Filmes gibt es einen „ellenlangen Interview“-Teil dazwischengeschnitten. Die Schriftstellerin (und wie heißt die männliche Form davon?) sitzt bewusst arrangiert auf einer Art Liege, ja sie thematisiert sogar die Arrangementmöglichkeiten ihrer hochbeweglichen Beine. Sie kann heute noch den Spagat ganz unaufgewärmt, das zeigt das Insert aus einer Talkshow. Diese Eigenschaft dürfte der Grund dafür gewesen sein, dass sie einst eine Clownschule besucht hat. Auch dorthin kehren die Filmemacherinnen mit dem Objekt ihres Interesses, das sie beneugieren wie eine Kuckucksuhr aus dem Schwarzwald, zurück, geraten beinah in eine Veranstaltung für eine Sparkasse hinein.

Es gibt, wie es sich für eine Autorinnendoku gehört, selbstverständlich Aufnahmen von Autogrammstunden, von Probenbesuchen für ein Theaterstück. Hin und wieder lassen Baier und Köhler, oder Böller und Brot, wie sie ihre Firma nennen, gesprochenen Text auch nur unter Schwarztafeln laufen.

Ein Running Gag an Inserts sind die Hashtags der Autorin auf Twitter, die belegen, dass sie knapp und würzig formulieren kann; daraus erfahren wir an einer Stelle, in welchem Hotel in Ascona sie gerade am Pool sitzt oder später sehen wir den Pool, den sie sich selber für ihre Wohnung leisten kann; er ist aufblasbar.

Leicht makaber und nichts für hypochondrische Gemüter wird es mit einem ausführlichen Bericht über ihren Besuch in einem Moulinagen-Museum. Da sind Abgüsse von Gesichtern, Körpern, Körperteilen bis zu einem Schwanz mit Krankheitssymptomen ausgestellt. Igitt.

Ein bisschen entsteht der Eindruck, dass es durchaus anstrengend sei, durchgehend so eine Schriftstellerinnenshow abziehen zu müssen.

Bei einem Gang durch die Tessiner Dschungelwelt fragt sie immer wieder, ob wir den Weg begriffen haben oder ob sie weitergehen müsse, dann sieht sie Feind kommen; ein ander Mal entdeckt sie einen Spanner im Bereich hinter der Kamera.

Sie selbst definiert sich als mittelständisches Unternehmen, das sich rechnen muss; sie unterrichtet in Zürich Dramaturgie, es seien nur Studentinnen. Allerdings sind die Rauschzustände des Schreibens von früher verflogen. Im Moulinagen-Museum stellt sie fest, dass viel kaputt gehen kann beim Mensch. Wohl wahr.

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