Rico, Oskar und der Diebstahlstein

Beim dritten Mal nach Rico, Oskar und die Tieferschatten und Rico, Oskar und das Herzgebreche haben wir uns häuslich eingewohnt in diesen Berliner Wohnblock. Die Figuren sind uns vertraut und liebenswürdig geworden, die Regie austauschbar.

Die Buben sind älter geworden, doch darüber nachher mehr.

Es gibt einen Toten. Dessen Hinterlassenschaft setzt die Abenteuergeschichte in Gang. Nachbar Gustav Wilhelm Fitzke hat das Zeitliche gesegnet. Sein Forschungsenthusaismus galt der Züchtung von Steinen in seiner Wohnung. Er war am Ende erfolgreich. Wie eine Osterüberraschung konnte er den Kids den Kalbstein in einem schönen, weich gefütterten Kästchen präsentieren. Oskar, der Beschlagene weiß, dass das nichts mit einer Kuh zu tun hat, sondern dass sich der Begriff assoziativ vom Kalben von Gletschern ableitet.

Der Kalbstein wird bald schon aus der leeren Wohnung des Verblichenen geklaut.

Während die Mutter von Rico, Karoline Herfurth ragt aus dem Ensemble hervor, indem sie dieses leichte Berliner Mädchen mit einer Frische und Präsenz spielt wie am ersten Tag, während Ricos Mutter also mit ihrem Macker nach Thailand fliegt zum Knutschurlaub, ein Wort, was die Knaben begierig in ihren Wortschatz aufnehmen, lässt die Story die Knaben an einen FKK-Strand an die Ostsee ausreißen; FKK, das ist wohl das brisanteste Motiv, das der Film sich traut, dort soll nämlich die Übergabe des gestohlenen Kalbsteines stattfinden. Soweit der funktionable Krimiplot.

Der erste Film kam vor zwei Jahren in die Kinos. Zwei Jahre sind in der Entwicklung eines Kindes eine lange Zeit. Vor zwei Jahren bezog das Verhältnis von Rico und Oskar seine Spannung aus dem markanten Gegensatz des schnelleren Wachstumes von Rico, das parallel mit geistiger Langsamkeit einherging und umgekehrt beim kleineren Oskar, der komplizierte Befunde in langen Sätzen und aus breitem Wissen genährt wie aus dem Knie geschossen hatte.

Inzwischen haben sich die beiden Darsteller persönlich auseinanderentwickelt. Anton, der Darsteller des Rico, hat an Wachstum deutlich zugelegt, keine Milchzähne mehr, auch sein Geist hat sich entwickelt, gelegentliche Memoriertechniken in der Rolle wirken mehr wie Reminiszenzen, vor allem scheint Anton auf den Trichter des Kicks des Filmens gekommen zu sein, bereitwillig bietet er sich der Kamera an mit seinen stahlblauen Augen und der blonden Mähne, er zeigt gesteigerte Präsenz und Medienbewusstsein, während Juri, der Darsteller des Oskar, erst die beiden breiten Zahnschaufeln der oberen zweiten Zähne hat, rundum noch Milchzähne, er ist nicht mehr so schnell mit seinen Zitaten, scheint vom Filmblut unbeleckt, wirkt wie fremd in dieser Umgebung; wobei just das es gewesen sein dürfte, was ihn im ersten Film so spannend gemacht hat; sowieso scheint mir, dass die beiden persönlich kaum mehr etwas verbindet; die Balance stimmt nicht mehr, das Gefälle der kontrastierenden Eigenschaften ist eingeebnet; aber das konnten die Caster vor zwei oder drei Jahren nicht voraussehen, damals ist punktgenau gecastet worden. Jetzt soll das Pferd halt noch zu Tode geritten werden.

Und als ob dieser Wegfall der Spannung zwischen den beiden nicht reicht, ebnet das Drehbuch die Esprit-Differenz ein. So wirkt der Film nur noch nett und lieb. Immerhin, von der Ausstattung her ist er mit einer knallbunten und fröhlichen Note versehen. Ganz ist Steinhöfels Witz aus dem Originalbuch nicht weg.

Die fette, aggressive Mercedes-Werbung mittemang bei der Rückfahrt von der Ostsee erzählt eine Story, die mit Steinhöfels wenig zu tun hat: Mercedes, das Auto, das aus jeder Kolonne ausbricht und in die nächste Lücke prescht und so noch jede Straßenverkehrsordnung provoziert; verkehrspädagogisch wertvoll.

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