Der Schamane und die Schlange

Ein Cohiuano geworden nach über zwei Stunden Dschungeltrip.

Der Dschungel ist alles, kann alles, verschlingt alles, gibt alles, vereint die Zeit und die Natur und die Weisheit und auch die Verrücktheit, die Folklore, den Forschergeist. Spätestens nach 800 Jahren ist er wieder da, falls böse Menschen ihn brandroden oder den Kautschuk abzapfen, das hat uns Das Geheimnis der Bäume gelehrt.
Ob allerdings die indigenen Völker wieder nachwachsen, das ist nicht so sicher. Darum ist es gut, wenn Forscher Material über sie sammeln und bewahren.

Der Kolumbianer Ciro Guerra nimmt uns mit Drehbuchhilfe von Jacques Toulemonde und nach dem Tagebuch des deutschen Amazonasforschers Theodor Koch-Grünberg von 1907 auf eine exotisch-abenteuerliche Tour durch den Dschungel von Vaupés in Kolumbien.

Guerra lässt den kranken Forscher von einem Schauspieler nachspielen und schickt einen weiteren Schauspieler als heutigen Forscher auf den Spuren von Koch-Grünberg nachpaddeln. Spielt keine Rolle, Zeit gibt es nicht im Urwald, hier gibt es Geister, Jaguare, Anacondas, verrückte Christen, Misstrauen und viel zu viel Gepäck von Forschungsreisenden; kein Wunder, wenn einer als wichtigstes Stück ein Grammophon mitschleppt, vor allem wenn eine Schellack-Platte mit großer Orchestermusik dabei ist. Fitzcarraldo von Werner Herzog lässt grüßen.

Man ist misstrauisch in diesem endlosen Waldgebiet. Wenn Fremde mit dem Paddelboot sich nähern, ist schnell mal, guter Wildwest, eine Flinte zur Hand. Und die eine Christenpartition hat nach Meinung eines eingeborenen Führers unseres Forschers das Negative des Amazonas und das Negative der Moderne zusammen; ein wüster Spuk mit Dornenkrone, Kapuzenmännern und Selbstpeitschern empfängt unseren Forscher und seinen Begleiter Karamakate. Dieser ist in jung als auch in alt als Amazonas-Folklore-Beitrag immer schön geschmückt, trägt lediglich Lendenschurz.

Es gibt kurze Flashs zu Untaten von Kautschuk-Baronen; überwucherte Gedenktafeln an tapfere Eroberer; es gibt ein Opfer mit abgehauenem Arm, das armselig neben einem Friedhof mit einfachen, überwucherten Holzkreuzen Kautschuk von Hand zapft.

Kino als Extremerlebnis, das war schon ähnlich bei The Revenant, wobei es dort ums Überleben gegen Natur- und Menschengewalt geht; hier haben wir es mit einer Forschungsreise zu tun auf der Suche nach einer Weißen Blume, die aussieht wie Baumwolle, die Heilpflanze Yakruna; denn auch Koch-Grünberg kämpft ums Überleben. Die findet sich, das sind befreiende Bilder nach der klaustrophischen Urwaldenge auf einem flach gerundeten Berg inmitten wenig freundlicher Zuckerhüte gegen Ende des Filmes.

Gegen Urwaldkrankheit helfen Caapi oder Coca-Schlucken oder ein Pulver vom Schamanen fachgerecht in die Nasenlöcher geblasen. Auf der Anhöhe findet sich die Blume und der Zuschauer erhält von Karamakate einen Blow in die Nase verpasst. Daraufhin setzt die Kamera zu einem wilden Flug über den Dschungel an bis zu Halluzinationen und Sternenhimmel.

Anfänglich erweckt der Film den Eindruck eines Beitrages fürs anthropologische Museum. Was noch lange nicht beduetet, dass unsere Forschungsreisenden die Weisen Drei Könige sind. Und dann wieder Schüttelfrost und ekstatischer Fischkampf im Wasser.

Unsere Reisenden könnten sich genau so gut im Kreise bewegen. Immer fahren sie Amazonas-aufwärts, er wird aber immer breiter oder sie driften in Nebenarme ab.

Ein extraordinärer Trip. In dem immer wieder die Stimmen der Vorfahren zu hören sind. Der Urwald kann zerstören, in ihn kann man hineinhorchen.

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