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So verarbeitet Dänemark den Afghanistaneinsatz und seine unausweichlichen Kollateralschäden.

Unter einer Kinderdecke gucken zwei knuddelige Kinderfüßchen hervor. Der dies zweimal in diesem Film des Dänen Tobias Lindholm sieht, ist der Offizier Claus Michael Perderson, ein aufrechter, mutiger Soldat, der gelegentlich etwas über die Verantwortung hinaus handeln mag.

Die räumliche und situative Spanne zwischen den beiden Bildern lässt in etwa die Dimension des Konfliktes erahnen, in die der Protagonist wegen seines Jobs im Krieg in Afghanistan gerät.

Das erste Bild mit Kinderfüßchen unter Bettdecke bietet sich ihm beim Eindringen in ein afghanisches Lehmhaus. Er will dort mit seinen Mannen eine Familie vor den Taliban schützen. Der Mann war tags zuvor ins Fort zu den dänischen Soldaten gekommen, hat um Schutz gebeten, er fühle sich bedroht. Claus hat ihn abgewimmelt. Morgen würden sie vorbeischauen, den Ort von Taliban säubern.

Die anderen süßen Kinderfüßchen, die friedlich unter einer Bettdecke hervorschauen, sind die seines eigenen Kindes zuhause in Dänemark. Er sieht sie, nachdem er von der Afghanistan-Mission entbunden wurde.

Der Film schildert über eine lange Strecke in zwei parallelen Strängen das Alltagsleben der Truppe in Afghanistan und das der zurückgeblienen Ehefrau von Claus in Dänemark. Hier hat einmal ein Kind Tabletten verschluckt oder von einem heißt es, dass es bissig sei oder Streit suche, kleine Malheurs, ohne weitere Bedeutung. Die Eheleute telefonieren miteinander.

In Afghanistan geht Claus gerne mit seiner Truppe auf Patrouille. Mit so einer fängt der Film auch an. Etwa ein Dutzend Soldaten im aufdämmernden Licht im Gänsemarsch, der Minensucher voran.

Es dominiert der Alltag im Lager. Der Film zieht durch seine reportagehafte Art mit Handkamera den Zuschauer mitten hinein in die verschiedenen Alltage, lässt ihn vertraut werden mit einigen der Soldaten und ist bei einem solchen Ausflug in eine wie es scheint menschleere Gebäudeansammlung an vorderster Front dabei, wie sie plötzlich aus dem Hinterhalt angegriffen werden, wie einer am Hals schwer verletzt wird und Claus in sekundenbruchschnelle Entscheide fällen muss.

Er ordert nicht nur den Rettungshelikopter sondern auch die Bombardierung eines bestimmten Gebäudes. Dort kommen, wie sich später herausstellt, elf Zivilisten ums Leben, darunter Kinder.

Damit wird der letzte Akt des Filmes eingläutet, der Prozess vor einem Zivilgericht in Dänemark. Hier wird sehr genau geprüft, wie weit Claus für seinen Bombardierungsbefehl zur Verantwortung gezogen werden kann, was bis zu vier Jahren Freiheitsstrafe bedeuten würde, was seine Frau nicht versteht, da soll er vier Jahre hinter Gitter, während seine eigenen Kinder zuhause vaterlos aufwachsen.

Faszinierend an diesem dänischen Film ist, wie er mit dem Thema Krieg umgeht; wie er gar nicht erst versucht Kriegspropaganda oder Gegenkriegspropaganda zu machen; wie er Schritt für Schritt aufzeigt, wie ein Mensch, den wir durch seine Art auf jeden Fall akzeptieren, in einen Konflikt hineingezogen wird, den er, wenn er kein erstklassiger Verdränger ist, wohl nur schwer wird bewältigen können.

Mit unschuldiger Kindermine wird bei einem Blick auf die Landkarte beiläufig die Frage suggeriert, was zum Donner dänische Soldaten in Afghanistan suchen.

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