Matthiesens Töchter (ARD mediathek)

Der alte Matthiesen ist ein Haudegen, wie er im Buche steht. Er säuft, er schießt, er reitet, und er lebt alleine, seit seine Frau und später seine drei Töchter gegangen sind – das war vor zwanzig Jahren. Sein heruntergewirtschaftetes Gestüt irgendwo in der weitesten, extrem hinterwäldlerischen Umgebung von Stralsund ist schon lange hoch verschuldet und obendrein Pferdelos, Matthiesen hat schon lange aufgegeben. Sich, den Hof, seine Töchter, alles.

Da treibt das Schicksal sie alle drei wieder nach Hause, zur gleichen Zeit. Die drei Töchter haben sich ebenfalls die Finger verbrannt, als Autorin, in einem Schiffbaubetrieb und als Modedesignerin. Die älteste hat einen Sohn, Teenager, ein Bulle von über zwei Zentnern, der dabei ist, sich auf die schiefe Bahn zu bewegen.

Als sie alle im heruntergekommenen, aber dennoch sehr wohnlichen Zuhause wieder aufeinandertreffen, gibt es erst einmal Streit – gerade als bayerischer Autor dieser Zeilen erkennt man nur zu gut die Dickköpfigkeit (Sturschädeligkeit) der tief wurzelnden Menschen wieder, die schon in der x-ten Generation an einem Ort, in einer Gegend zuhause sind und die Dinge schon immer auf ihre Art gemacht haben.

Die eigentliche Handlung beginnt damit, dass der schmierige Emporkömmling von Bankdirektor, Sohn des alten Bankdirektors, der, so kann man rückschließen, ein ähnlicher Haudegen gewesen sein musste wie der alte Matthiesen, und diesen auch privat gut gekannt hatte. Der neue will sich profilieren, neuen Wind spüren lassen und natürlich allein im Interesse der Bank nach Lehrbuch vorgehen. Das heißt: Gestüt abwickeln, verkaufen, abreißen, die Menschen sind scheißegal.

Selbst wenn der alte Matthiesen diesen seelenlosen Arsch mit einem Blattschuß auf seinem Grundstück niedergestreckt und damit von seinem – dem sozialen Grobmotoriker selbst natürlich völlig unbewussten – Leid erlöst hätte, wäre der Film eine kleine Genugtuung gewesen. Gerade in den Zeiten des Weitens der Kluft zwischen Arm und Reich eine deutliche Botschaft.

Doch natürlich ist es nicht so simpel und nicht so plakativ. Im weiteren Verlauf des Filmes wächst die völlig versprengte Familie wieder zusammen, überwindet Hindernisse und so weiter – aber alles mit einem wundervollen herben Charme, der obendrein aufgrund der weiten Wiesen und des Themas Gestüt in einer deutlichen Wildwestromantik inszeniert wurde.

Matthiesen wird gespielt von Matthias Habich, die Töchter von Julia Jäger, Ulrike C. Tscharre, Anja Antonowicz, der Bankdirektor von Martin Brambach, der bullige Teenagersohn und Matthiesen-Enkel von Rouven David Israel, und „Onkel“ Gernot, der gezwungenermaßen beste Freund von Matthiesen, von Thomas Neumann. Regie: Titus Selge, Kamera: Martin Langer und Buch: Sathyan Ramesh. Die Musik, die ebenfalls starke Westernmotive enthält, wurde von Dominik Giesriegl komponiert.

Ein überraschend gut funktionierender Fernsehfilm, gar nicht mal altbacken und knöchern, wie so oft als Vorurteil erwartet.

Zu sehen bis 8. Juli in der ARD-Mediathek.

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