Herbert

Leipziger ALS-Film.

Von Torgau, der DDR-Haftanstalt, zum bundesrepublikanischen ALS-Pflegefall im Leipzig von heute, das ist die Lebensspanne, die einen, auch dank der konsequenten Schauspielerleistung von Peter Kurth als Herbert, gegen Ende des Filmes hin doch für dieses unglückliche Schicksal zu vereinnahmen vermag, auch weil diese offene Haltung zum Menschen spürbar wird, die so viele DDR-Filme ausgezeichnet hat.

Den Einstieg und den Hauptteil des Filmes allerdings versemmelt sich Thomas Tuber, der mit Clemens Meyer auch das Drehbuch geschrieben hat. Grobe Männerhände waschen sich in einem Lavabo. Das als erstes signalhaftes Bild. Ein Sauberkeitsfilm, ein Hygienefilm?

Jedenfalls etabliert man so Leipzig als bewussten Spielort nicht. Das ist nur dem Presseheft zu entnehmen. Das Händewaschen richtet den Fokus auf den Assoziationsbereich Sauberkeit und Krankheit, ein Thema, was prompt bald eingeführt wird.

Vorher noch in zu ausgewalzten Szenen die knappe Info, dass Herbert Boxer ist und sein Geld als Schuldeneintreiber der gröberen Art verdient, dass er in der DDR als Krimineller in Torgau einsass, das ist über ein Gespräch mit einem Vertrauten, einem Tättowierer, zu erfahren.

Es folgen jede Menge Szenen, die nur dazu erfunden scheinen, das allmähliche Auftreten der Symptome der Krankheit zu schildern, Umfallen unter der Dusche, der Rasierapparat fällt aus den Händen, merkwürdige Krämpfe beim Tattoostechen, alles breit geschildert, ohne vorher den Plot für eine Story angerissen zu haben, für ein Ziel der Figur, für einen Konflikt, so richtig typisch deutsches Themenfernsehen, was die Leute vom Kinobesuch abhalten wird.

Das Zwangsgebührenfernsehen hat wieder mitfinanziert, weil solches ihm gelegen kommt. Es wirkt weitgehend so, als trete der Protagonist eigens auf, um den Verlauf von ALS minutiös zu schildern (wobei genau besehen doch Brüche zu verzeichnen sind, kaum muss er gefüttert werden, ist er schon wieder imstande den Schwager mit seinem Gehstock niederzuknüppeln) – eine Lehrstunde in Krankheitsgeschichte; dabei ist doch die Erfahrung eher die, dass Krankheit und Tod generell ungelegen kommen; ist doch keiner auf der Welt, um krank zu werden; dieser Eindruck wird aber just durch diese Erzählweise erweckt.

Denn nur, wenn sie ungelegen kommen, Krankheit und Tod, können sie Konfliktpotential und somit Storypotential entfalten. Darauf verzichtet Stuber und verspielt damit das Gros seines und seines engagierten Teams beachtlichen Einsatz. Schade.

Am Schluss möchte man allzu gerne wissen, mit welchen Hoffnungen und Träumen dieser Herbert in der DDR aufgewachsen ist. Immerhin ist er Boxer geworden, wurde „der Stolz von Leipzig“ genannt, soviel wird uns an Retourinfo gegönnt. Das ist lange her.

Der Film selbst referiert die Chronologie eines jämmerlichen Niederganges mit kaum Fallhöhe; somit wird Herbert lediglich zum Figuranten zur Präsentation von ALS-Symptomen. Das bringt er zusehends überzeugend rüber. Einzig das Zierfischaquarium kann als ein Hinweis gelesen werden auf die Sehnsucht nach Zuneigung, Zärtlichkeit und Liebe.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert