Gegen das Abschleifen tradierter Geschichten einen reflektierten Perspektivenwechsel versuchen, das scheint beinah schon ein Trend im aktuellen Kino zu sein, Son of Saul im Hinblick auf die Nazizeitverarbeitungsindustrie oder Raum im Hinblick auf Wegsperrung, haben das mit guter Resonanz gemacht. Jetzt versucht es Kevin Reynolds, der mit Paul Aiello das Drebhuch nach dessen Roman geschrieben hat, mit der Auferstehungsgeschichte.
Reynolds erzählt die Geschichte aus der Optik eines römischen Tribuns, Joseph Fiennes als Clavius. Der soll im Auftrag von Pilatus, Peter Firth, die rätselhaften Umstände des Verschwindens von Jesus, Cliff Curtis, aus dem Grab klären und den Gerüchten über sein Messiastum auf den Grund gehen. Clavius zur Seite wird der jüngere Lucius, Tom Felton, gestellt, ein Duo, was durch den Fortgang der Geschichte in eine Auseinandersetzungssituation in einer wilden Schlucht geraten wird.
Fiennes spielt den Clavius von Anfang an als voll beherrschte und geführte Figur. Er habe für das Rollenstudium, so steht es im Presseheft zu lesen, sich vor allem mit dem Detektivelement beschäftigt. So entgeht er elegant dem Klischee des bösen Römers, der die Christen bekämpft. Er ist ein aufmerksamer, sinnierender Beobachter, einer der den Kopf gerne ruhig hält, wie um die Aufnahmefähigkeit nicht zu gefährden, eine Position, die der Zuschauer, mit übernimmt und so einen ungewohnten Blick auf die Jüngerschar, die Kreuzigung und die Auferstehung erhält.
Die Jünger wirken wie eine aufgekratzte Gruppe von Hippies oder von idealistischen Aktivisten; das ganze Pathos, was die Kirchenmalerei seit Jahrhunderten verbreitet und was sich auch in den Passionsfilmen immer wieder niederschlägt, ist so mit einem Schlag erledigt.
Dazu tragen allerdings auch die vorzüglich ausgesuchten Landschaften auf Malta und in Spanien bei, sie wirken im Vergleich zu traditionellen Darstellungen, als hätte eben frischer Regen den Staub von Jahrhunderten weggewischt und genauso frisch wirken Locations und Innenausstattung, sie riechen nicht so stark nach Fundus wie so oft, demnächst im ARD-Zweiteiler „Sein Name war Franziskus“.
Zu dieser Frische und Lebendigkeit trägt die Regie von Kevin Reynolds das ihre bei. Er versucht, den Figuren Realität und Erleben statt Symbol-Attitüde einzuhauchen, Figuren wie in der holländischen Malerei eines Frans Hals.
Die römischen Autoritäten wirken dagegen als Menschen der Moderne schlechthin, als Menschen aus einer Zeit, die die Religiosität hinter sich hat, als Management-Figuren unserer Zeit, die sich mit einem Phänomen zu befassen haben, was außerhalb ihres rationalen Beherrschbarkeits-Horizontes liegt.
Allerdings ändert der Film diese skeptische Haltung zur biblischen Geschichte und ihrer bewährten Erzählweise in dem Moment, wie Clavius näher mit den Jüngern in Berührung kommt, wie er selbst den Auferstandenen erlebt, fasssungslos zusehen muss, wie Jesus den Jüngern die Wunden von der Kreuzigung zeigt.
Hier biegt der Film auf die altbekannten Schienen ein, da wird er zum Bekehrungsfilm, zum Anbetungsfilm und haut mit den Lichteffekten beim Abgang des Jesus fett auf die Erbauungsdrüse. Die Macher wollten es sich offensichtlich mit dem Publikumsteil nicht verspielen, der seine bekannte Auferstehungsgeschichte sehen und wiedererkennen möchte – weil sie ein elementarer, religiöser Bestandteil unserer Kultur zweifellos ist. Kultur hat insofern auch mit Wiederholung des ewig Gleichen zu tun; wobei der Wechsel der Erzählposition im Endeffekt einzig für mehr Frische, aber für keine neuen Erkenntnisse gut ist.