Birnenkuchen mit Lavendel

Ich fliege nicht Gleitschirm, so emfpiehlt sich Pierre, der großartige Benjamin Lavernhe von der Comédie Francaise, als Partner von der ebenso großartigen Virginie Efira als Louise.

Louises Lebenskonzept ist ins Straucheln geraten nach dem tödlichen Gleitschirmabsturz ihre Mannes. Mit ihren zwei halbwüchsigen Kindern, der Imkerei und den Birnbaumanbau verschuldet sie sich zusehends, ihre Lebensgrundlage droht wegzubrechen. Deswegen ist sie vielleicht etwas fahrig am Steuer, sieht einen Mann auf dem Zufahrtssträßchen zu ihrem Anwesen zu spät, fährt ihn an.

Nichts Gravierendes, eine Platzwunde an der Stirn. Die muss versorgt werden. So kommen zwei Lebensentwürfe in der Krise miteinander in Kontakt.

Man sieht den Filmemacher Éric Besnard förmlich über seinem Storyboard gebeugt, genau evaluierend, was er wo und wie schildern will, welches Bild auf welches zu folgen hat und wie er aus der Begegnung dieser beiden Schicksale und damit seiner Protagonisten erzählerischen Gewinn ziehen kann, der einen unvermeidlichen Sog entwickelt, denn auch bei Pierre, dem Zahlengenie mit Asperger, ist die Lebensgrundlage bedroht, seine Existenz auf kleinstem Raum in einem Buchladen, der nach sozialen Standards unmöglich ist, ihm aber vollkommen genügt, denn bei den Büchern und dem Buchhändler fühlt er sich wohl, da kann er seine Punkte verteilen, seine lexikalisches Wissen vertiefen, da hat er keine Reibereien mit Menschen. Aber eine Frau von der Fürsorge bestellt ihn zu einem Termin zu einer Evaluation. Dem entflieht er hinaus aufs Land, hinauf in die malerischen südfranzösischen Hügel, die blühen mit Lavendel und Sonnenblumen.

Allein diese Landschaft erfüllt uns einen Fluchttraum aus der Stadt, aus der Hektik, aus der Angefochtenheit hinaus: Ruhe, Frieden, kontinuierliches Arbeiten, stille, selbstverständliche Menschlichkeit.

In Pierre stellt Besnard Asperger exemplarisch dar: die Besessenheit von Zahlen und Wahrheit, die Direktheit, die Menschen leicht als verletzend empfinden können; als ein Beispiel dafür nimmt Besnard die Begegnung mit einem Mann mit einer dreifach verwachsenen Nase, den Kommentar von Pierre lässt er außen vor, aber die Ermahnung von Louise nicht.

Wenn die Welt aus lauter solchen Hypersensiblen bestünde, gäbe es wohl keinen Krieg, keine Denunziation, kein Mobbing, keine Shitstorms, das was die Landschaft auch besänftigend schildert.

Es gibt noch weitere Figuren, die in Relation zu dem Phänomen gesetzt werden: der Buchhändler, der volles Verständnis für seinen Schützling hat, der Nachbar Paul, der Louise helfen will, indem er sie zu Frau nehmen und ihr ein Stück Land abkaufen will; dass er an ihr selbst überhaupt kein Interesse hat, zeigt die Szene, in der sie ihn fragt, ob ihm ihre Pobacken gefallen – Paul macht ein langes Gesicht, daran hat er überhaupt noch nicht gedacht.

Es gibt die Kundin am Markstand in der Stadt, die erst alle Vorurteile einer verwitweten Frau gegenüber rauslässt, die aber von dem überbordenden Wissen von Pierre sich überzeugen lässt.

Allerdings steht Pierre dank seiner Computerhackfähigkeit unter besonderer Beobachtung, weil er sich in das System eines Ministeriums eingeloggt und daraus Informationen geholt hat; für Louise und ihre Schulden, resp. Guthaben von einer Bank sind solche Fähigkeiten nützlich, aber auch für schrägere Gags.

Auch Louises Kinder vereinnahmt Pierre schnell für sich, dem Buben, der noch bubenhaft aussieht, aber schon den Stimmbruch hörbar macht, hilft er in der Mathematik und dem größeren Töchterchen stellt er sich als Mittler im Konflikt mit der Mutter zur Verfügung.

Anfangs wirken die Szenen hackelig, aber schnell merkt man die Dominanz des ausgeklügelten Storyboardes, das jeden Kitsch geschickt vermeidet, und einen unwiderruflich für die Geschichte einnimmt. So wird aus einer einfachen Geschichte ein reicher Kinoausflug in eine traumhafte Gegend und in eine Region rar gewordener Menschlichkeit.

Für einen Träumer wie Pierre kann eine Wolke wie eine 71 aussehen und zum 37. Geburtstag schenkt er Louise 37 Blumensträuße oder, als ob er eine Verbindung zu etwas Rätselhaftem herstellen möchte, versucht er einen Lichtreflex am Wasser zu berühren.

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