Tagebuch der Anne Frank

Kino als Ort des Abgreifens möglichst vielfältiger Subventionen und als mit den entsprechenden Begründungszwängen versehen: Verfilmung eines erfolgreichen literarischen Stoffes und gleichzeitig ein weiteres Zipfelchen Nazi-Aufarbeitung, idealer geht’s nicht, um an deutsche Subventions- und Fernsehgelder zu kommen; da riskiert keiner was; Opfer ist einzig und einmal mehr: das Kino.

Wobei bei Hans Steinbichler (Landauer, der Präsident, Das Blaue vom Himmel) die Kamera von Bella Halben schon die halbe Miete ist. Des weiteren vertrauen die staatlichen und halbstaatlichen Geldgeber auf die Rollenzusage „nahmhafter“ Subventionsstars wie Ulrich Noethen und Martina Gedeck, wobei letztere voll überzeugt; sie hat ihre wasserdichte „Masche“ gefunden. Dann noch ein „namhafter“ Autor dazu: Fred Breinersdorf (Elser) so kann nichts mehr schief gehen, glauben die staatlichen und halbstaatlichen Geldgeber.

Da aber in Deutschland ein grandioses Defizit an Drehbuchkultur herrscht, die Darsteller andererseits subventionsgesättigt und ohne Kampf und Wettbewerb die Rollen hinten reingeschoben bekommen, geht es eben doch schief, zumindest hinsichtlich meiner Erwartungshaltung, dass etwas von der Atmosphäre, die sich mir beim Lesen des Tagesbuches vor Jahren eingestellt hat, im Film zu finden sein könnte oder vielleicht ein einleuchtendes Stattdessen.

Das ist nicht der Fall. Es ist ein typisch deutsches Drehbuch, was glaubt, ohne Handlungsfaden auskommen zu können, ohne plastische Charakterisierung der Figuren und ihrer Konflikte, auch wenn die Hauptdarstellerin Lea van Acken hübsch ist, ihr Sprechduktus wirkt in seiner Monotonie ermüdend, das müsste man der Regie ankreiden, wobei Steinbichler garantiert kein begnadeter Sprachregisseur ist.

Es gibt keinen establishing Shot von der Location des Horrors der Eingeschlossenheit in Amsterdam. Es gibt im Vorfeld zwar atmosphärische Schilderung von Licht und Sommer und Sils Maria und Unbeschwertheit, um einige Infos zur Zeitsituation in den Film zu bringen; dem Film fehlt die äußere Handlung; das Wissen des Zuschauers um den historischen Zusammenhang wird vorausgesetzt.

Auch erfährt man nicht, was für ein Geschäft Pim, wie die Kinder ihren Vater Ulrich Noethen nennen, betreibt.

Der Film verzichtet auf konkrete Details, oder sucht sich gruselige raus, wie das Problem des Urinierens in der Heimlichkeit, das Problem der ersten Blutung eines Mädchens oder das Entstopfen einer Toilette mit brauner Brühe von bloßer Hand oder eine Anleitung zum Kartoffelschälen.

Man bekommt nie richtig mit, welcher Art das Handwerk ist, das die beiden Arbeiter unter der Versteckwohnung betreiben. Oder, wenn schon, hätte man konkrete Vorgänge des Einrichtens des Versteckes zeigen können; damit es glaubwürdig funktionabel wird.

Was fehlt, sind die Vorgänge, die die Geschichte als Handlung real machen, mögen die geschäftlicher Natur sein oder des Beschaffens und Entsorgens von Vorräten; die alle unter dem Diktat der Heimlichkeit stehen; stattdessen beschränkt sich der Film auf eine anfängliche, schulmeisterliche Erklärung von Nöthen, die papieren bleibt.

Ein etwas weit hergeholter Vergleich vielleicht, was den Überlebensfilm, zwar unter anderen Bedingungen, so spannend und aufregend gemacht hat: All is Lost wie Robert Redford sein Schiff konkret detailliert immer in Schuss und funktionstüchtig hält. Oder demnächst „Son of Saul“. Davon ist im Breinersdorfer-Steinbichler-Film nicht eine Andeutung.

Lieber hängen sie nach dem Ende des Tagesbuches noch wie im Holocaustmuseum eine lehrhafte Infoveranstaltung über das Aufnahmeprozedere im KZ mit gleich mehrfachem Haupthaarscheren und Einbrennen der KZ-Nummer an und erfinden das Tagebuch weiter, was einen merkwürdigen Eindruck erweckt, gekünstelt, verfremdet, die Stimme aus dem Jenseits.

Das Drehbuch wirkt deutsch-kopfig-holprig; besonders unnatürlich – was sowieso schon Inszenierungs- und Drehbuchschwäche ist – dass nicht die Menschen beobachtet und geschildert werden, sondern dass mühsam versucht wird, aus dem bekannten und bereits x-fach verfilmten Stoff, ein Drehbuch zu basteln; Mitleid mit den Schülern ist angebracht, die bequemen Lehrern zuliebe diesen über zwei Stunden langen Film werden über sich ergehen lassen müssen.

Es bleibt unklar, was ist jetzt Original Anne Frank, was ist Breinersdorf-Kopflast oder fehlgeleitetes Plausbilitätsbedürfnis. Zu dieser Unglaubwürdigkeit der Darstellung tragen Gefühlsausbrüche bei in Situationen, in denen der Mensch eher erstarrt, wenn er denn, obwohl der Krieg fast zu Ende ist, doch noch verhaftet wird; diese Gefühlsausbrüche auch im KZ nehmen der Situation sowohl Glaubwürdigkeit als auch Härte; das fängt bereits mit dem weinerlichen Monolog zu Beginn des Filmes an – eine alte Regel sagt: die Gefühle müssen im Zuschauer entstehen und nicht auf der Leinwand.

Und, typisch deutsch, man braucht keinen Rahmen für die Handlung, da man ja ohne Handlung auch auskommen kann, weil wir ja so gut sind! Nein, die Deutschen haben die Filmerzählung verlernt. Im Tagebuch mag Anne das geschrieben haben, dass es stickig sei in der Wohnung; wenn das aber eine andere Person sagt, so wirkt das, so wie es inszeniert ist, spießig-komisch. Denn diese Situation zu spielen und filmisch herzustellen, das haben wir ja nicht nötig – und wundern uns dann über den ausbleibenden internationalen Erfolg.

Solch ein Kino ist sich erhaben über dem Erzählen von lebensentscheidenden kleinen, alltäglichen Vorgängen, die die angespannte Verstecksituation plausibel machen. Es zeigt lieber, wie Herr Nöthen mit bloßer Hand ein verstopftes Klo zu entstopfen versucht – selbst in dem Fall wäre wichtiger nicht des Eklige, das der Film dick hervorkehrt, sondern dass es in gedeckter Atmosphäre zu passieren hat. Insofern ist dem Film die höchst ungenaue, unpräzise Schilderung der Atmosphäre vorzuwerfen, dass alles schwammig bleibt und und dass er glaubt, mit schönem Licht und schön gekleideten Darstellern und ein paar Brocken Originaltext das zu liefern. Dass es nie um Entscheidungen geht, um Konflikte. Menschliche Konflikte reduziert auf die Entstopfung einer Toilette.

Auch wenig spannend erzählt wird die Geschichte vom Treppensturz mit dem Kartoffeln und den Handwerkern, die horchen, das grenzt an mittelmäßiges Kindertheater. Oder ebenso die übertriebenen Reaktionen auf die Bomben. Weiter merkwürdig ist, wie sie in Holland alle prima deutsch sprechen. Dafür dürfen wir uns an einem Schnarchkonzert ergötzen. Recht theatral und kindisch auch die Geburtstagsfeiern. Solche Malheurs passieren bei nacherfundenem Menschentum. Qualvoll ist an diesem Film seine Performance, nicht sein Inhalt. Und auch wie die Verhaftung geschildert wird, das ist ein Griff in den billigsten Fundus.

Redford erzählt in „All ist lost“ und der Ungar in „Son of Saul“, wie dem Leben in aussichtsloser Lage einen Sinn geben. Steinbichler berichtet davon, wie wir mit den Mitteln des deutschen Subventionskinos Literatur zu verfilmen versuchen.

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