Der Kuaför aus der Keupstraße

Kuaför ist türkisch für Frisör. Der Begriff prangt über dem Salon der beiden Brüder Özcan und Hasan Yildrim an der Keupstrasse in Köln. Am 9. Juni 2004 hat sich ihr Leben für immer verändert. Der im Untegrund lebende Rechtsterrorist Uwe Mundlos schiebt ein Fahrrad vor deren Schaufenster, stellt es ab, entfernt sich. Kurz darauf explodiert die Nagelbombe. Die Original-Aufnahme dieser Szene aus einer Überwachungskamera kommt immer wieder vor in diesem Dokumentarfilm von Andreas Maus, der mit Maik Baumgärtner auch das Drehbuch geschrieben hat.

7 Jahre hat es gedauert, bis der Staat dem Täter und seinen Mittätern auf die Spur kam, weil er wie blind und vorurteilshaft an der falschen Stelle gesucht hat, nämlich bei den Opfern selber, sie zu Verdächtigen gestempelt hat, die Medien verbreiteten das vorbehaltlos, stigmatisierten die Opfer, setzten ihre Geschäfte und Familienleben einer Zerreißprobe aus.

Nochmal drei Jahre später explodiert die nächste Bombe, die der Solidarität, nächstes Medienspektakel mit Fotosession und Besuch von Bundespräsident, Gattin und weiteren Honoratioren und Medientross inklusive vorherigen Absuchens der Location mit Spürhunden, hätten die die mal früher eingesetzt, Megasolidarität ohne Risiko; das wirkt grotesk, das Konzert mit Tausenden von Besuchern; aber nicht alle von der Kneupstraße sind begeistert, einer wäre selber lieber mehr im Rampenlicht gestanden; die Wirkung der Politiker ist auch eine ganz seltsame, als ob sie sich nochmal auf die Opfer draufhockten.

Die Kneupstraße ist eine entzückende, kleinteilige Laden- und Geschäftsstraße in Köln, die Hajo Schomerus in klaren, prägenden Bildern vorstellt, die einen prima Eindruck vom Leben hier abgeben und die gerne mit Texten aus Verhören und Protokollen unterlegt werden.

In einer großen Halle hat Maus einen skizzenhaften Nachbau der näheren Umgebung des Coiffeur-Salons errichtet – ähnlich der Theaterinstallation in Dogville von Lars von Trier. Oft stehen die Originalbeteiligten für Fotos in diesem skizzierten Raum oder sitzen da; Maus hat zudem Schauspieler engagiert, die in ruhigen Sitzpositionen Protokolltexte von Beteiligten nachsprechen.

Als Umblätterer dieses Versuches einer Gesamtschau des terroristischen Anschlages und seiner Folgen sind immer wieder Zeitlupenimprovisationen von fallenden Nägeln aus der Bombe mit den entsprechenden leisen, gemeinen Geräuschen eingeschoben.

Am schockierendsten wirkt das Statement des damaligen Innenministers Schily, der offenbar vollkommen ahnungslos war über die Hintergründe des Anschlages und darüber, dass es eine rechte terroristische Vereinigung im Untergrund gab. Aber wir wussten es ja auch nicht. Außer den Vermutungen der Betroffenen und einem Münchner Profiler kam niemand in der Republik auf diesen Verdacht.

Maus grenzt mit Hilfe der Kamera und langen ruhigen Einstellungen der Interieurs von Läden und Geschäften in der Kneuppstraße, besser könnte man die gepflegte, wohnlich-menschliche Atmosphäre jener Gegend kaum einfangen, den Ort der Handlung ein; dazu immer wieder Details feinster türkischer Frisörkunst, die offenbar auch von Türstehern, geschätzt wurde, weshalb die Frisöre für die unglaublichsten Verdächtigungen herhalten mussten. Gewisse Parallelen was die vollkommen aus der Luft gegriffenen Verdächtigungen betrifft, sind auch im Film Lucia, Engel des Todes? zu finden.

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