Der geilste Tag

Phimose oder Fibrose, das ist hier die Frage.
Der Befund lautet: Phimose – Komödienphimose; das Buch, das Buch! Das Buch hindert diesen Film daran, so richtig auf die Leinwand zu ejakulieren. So sehr die beiden Protagonisten Florian David Fitz und Matthias Schweighöfer vor schauspielerischer Potenz strotzen, man ihnen gerne zuschaut, denn die ersten Sporen haben sie sich längst abverdient, zeigen, dass sie noch neugierig sind, entdeckunsfreudig, ihr schauspielerisches Terrain für noch nicht durcherkundet halten.

Aber mit dem Drehbuch hat Florian David Fitz es sich viel zu leicht gemacht, von fertig kann keine Spur sein und als Improgrundlage reicht es auch nicht, viel zu flüchtig ist es gearbeitet. Verwunderlich, dass die ganzen fördernden Institutionen und Gremien das einmal mehr nicht gemerkt haben wollen. Sie tun den Schauspielern damit keinen Gefallen. Mit zu vielen Verschachtelungen wie bei einer russischen Mamuschka muss gegen Ende hin noch eine Klammer und noch eine Klammer und noch eine Klammer geschlossen werden, um nach gefühlten weit über zwei Stunden endlich den Sack zuzumachen; merke: eine Kinokomödie sollte 90 Minuten dauern.

Die beiden Todkranken Benno und Andi lernen sich im vornehmen Sterbehospiz hoch über den Dächern von München kennen. Die erste Vorstellung passiert noch verheissungsvoll: Andreas gibt zu verstehen, dass er Benno (oder umgekehrt, das verschwiemelt schnell) für einen seltsamen Typen halte. Nur erfahren wir nie zwischen München und Naimibia, welches die Locationspanne im Film ist, was nun so seltsam an ihm sein soll, noch nutzt das Drehbuch diese Seltsamkeit, um Konflikte und Spannung herzustellen.

Jedenfalls entscheiden sich die beiden, da ihre Lebenszeit beschränkt ist, den geilsten Tag gemeinsam zu erleben. Ihnen wird bewusst, dass sie jetzt Kredite aufnehmen können ohne Ende, da sie diese nie wieder zurückzahlen werden müssen (das bringen sie recht komödienrasant). Damit kaufen sie ein Erstklasse-Flugticket nach Namibia.

Andi, der eh schon einen Krebsblog auf youtube führt, will diesen auf den Rat von Benno hin professionalisieren und fortführen. Ein Erzählstrang, der sich verläuft wie ein Fluss im Delta und nicht zur Spannungserzeugung genutzt wird.

Was auch vollkommen fehlt, ist ein Ziel für die beiden. Es ist zu vage, zu oberflächlich gehalten, nur den geilsten Tag verbringen zu wollen. Das Thema wird nicht vertieft. Erst halten sie Luxusreisen, Luxushotel, Luxusnutten dafür; aber es wird nicht besprochen, dass es das nicht sein kann; gut, Fickereien sind anstrengend für Todkranke. Dann kauft, auch dies passiert willkürlich und ohne Überlegung, Benno einen Camperwagen. Das setzt nun ein zielloses Roadmovie in Gang; wo bittschön geht es zum geilsten Tag – es fehlen die Wegweiser; somit dümpelt die Reise ziellos mit netten Intermezzi.

Wobei sich unversehens herausstellt, dass es von Benno doch nicht so ziellos gedacht war. Aber auch das erfahren wir erst im Nachhinein. Dass da irgendwo in Afrika noch was Junges von ihm rumläuft, wurde zwar schon in einer Münchner Szene eingeführt, aber nicht spannungserzeugend als Konflikt oder List von Benno.

Benno und Andi. Wobei ich die beiden Figuren genau andersum genannt hätte, den etwas molligeren, weicher und langsamer sprechenden Schweighöfer als Benno (ein vokalisch runderer Name) und den hageren und irrsinnigen Schnellsprecher Fitz als Andi (dies knappe, fast militärisch kommandohafte Hingeschnauzte, fast nur Rausmotz- statt Sprechweise); da sind so kleine Unachtsamkeiten, die es einem schwer machen, sich diese unspezifischen Rollennamen zu merken, auseinanderzuhalten; die Namenswahl scheint beliebig, also auch nicht gezielt typenkonträr passiert zu sein, einfach gedankenlos, unfertig.

Als quasi lebens- und liebesphilosophischer Überbau werden ab und an Texte von Bennos Mutter eingesprochen oder einmal auch direkt vorgelesen; die aber das Bild von Benno und seiner Seltsamkeit auch nicht weiter erhellen.

Leichtsinnig und mit wenig Bezug zum Geschehen auf der Leinwand versehen scheint auch die penetrante Feelgood-Musik auf die Tonspur montiert worden zu sein; unsorgfältig.

Wie denn die ganze Behandlung des Themas Todkrankheit und beschränkte Restlebenszeit unentschieden und oberflächlich behandelt wird, mal mit einem kleinen Hau ins Schwarzhumorige, wenn Fitz dem Schweighöfer das Ventil zu den Atemschläuchen rausreißt oder existentialakrobatisch bei der Szene auf dem Kranausleger oder wieder im Sinne der Abnudelkomödie mit dem Ablenkungsmanöver der Krankenschwester, damit Schweighöfer ausbüchsen und das Morphium klauen kann.

Kinematographische Auslegung und somit Ausbeute des Titels bleibt löchrig und unbedacht; der Drehdrang übertölpelt den Schreibdrang und beschneidet somit den eigenen Erfolg gewaltig. Mit einem sorgfältig gearbeiteten Drehbuch könnten die beiden weit über Deutschland hinaus reüssieren – aber das will hier keiner.

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