Auf dem Nachhauseweg nach dem Kino überkam mich ein Frösteln, es war dunkel, ich bemerke eine Frau in einem roten Mantel, die ein Schaufenster betrachtet. Das führte zu kurzzeitigem Realitätsverlust, wo bin ich gerade? Denn in diesem Film von William Brent Bell (Regie) und Stacey Menear (Buch) in feinster britischer Art und mit wunderbar erzählerischem Sog versehen, spielt ein rotes Kleid eine Rolle. Die Protagonistin, die Amerikanerin im englischen Schloss, die schöne Lauren Cohan als Greta Evans, will sich mit Malcolm verabreden. Wegen der Verabredung telefoniert Greta mit ihrer Freundin Sandy in Amerika. Dass die sich gut kennen, wird daran ersichtlich, dass die Freundin genau das voraussagt, was Greta tut: das rote Kleid für das Date mit Malcom in Betracht ziehen, einen Schluck Wein trinken. Dann eine Dusche nehmen. Und dann ist das rote Kleid weg, das über die Filmvorführung hinaus sich im Kopf des Betrachters eingebrannt hat – weil es natürlich noch einmal auftauchen wird.
Rupert Evans reduziert für die Rolle des Malcolm seinen Habitus auf den des einfachen Burschen vom Lande, der dem Schlosshaushalt die Nahrungsmittel oder auch die Post oder dem Kindermädchen von Brahms den Lohn bringt.
Greta, so viel kann ruhig verraten werden, hat den Job als Nanny angetreten, weil sie schlechte Erfahrungen mit ihrem Freund Cole, Ben Robson gemacht hat, sich vor ihm in Sicherheit bringen will.
Sicherer als ein altes, verwinkeltes, fein ausgestattes englisches Schloss dürfte kaum gehen. Nur gehören zu einem solchen Schloss auch ein paar Feinheiten, die eine gefährliche Neigung in Richtung Übersinnlichkeit aufweisen.
Das Ehepaar Heelshire ist schon sehr, sehr alt. Ihr Kind Brahms ist eine mit einem rätselhaft lächelnden Keramikgesicht versehene Puppe. Die muss behandelt werden wie ein Kind. Ja, sie hatten mal ein Kind, das verbrannt ist bei einem Unfall. Das ist das tiefere Thema dieses Horrorfilmes: Kindsverlust und Ersatzhandlung dafür. Dazu gibt es in Bezug auf Brahms ganz genaue Anleitungen. Man muss ihn wecken, mit ihm sprechen, ihm das Frühstück zubereiten, ihn Musik – sehr laut – hören lassen, sonst würde er böse, heißt es. Beste Voraussetzungen für spukhafte Vorgänge im Schloss, das mit seinem filmreifen, weich ausgeleuchteten Interieurs zu brillieren versteht.
Die Heelshires haben sich kurz nach dem Kennenlernen und einer knappen Einführung in die Behandlung von Brahms von Greta verabschiedet, sie würden eine Reise antreten, so dass Greta allein im Schloss ist; Gäste sind ausdrücklich nicht erwünscht. Malcolm könne ihr dies und das sagen.
Bell, der Regisseur, weiß bestens, welche Zutaten eine solche Geschichte braucht, um nicht in eitle Effekthascherei abzugleiten, nur um den Spuk des Spukes willen zu bemühen, er weiß, welch faszinierenden Reiz eine schöne Frau in einem knappen, seidenen Négligé ganz allein nachts im holzgetäferten Schloss und bei Kerzenschein, wenn sie verdächtigen Geräuschen nachgeht, ausübt, genauso wenn sie von der Dusche weg, nur mit einem Badetuch umgebunden, den Geheimnissen des Schlosses auf die Spur zu kommen versucht, die sich ab und an verraten, ja, die sie momentweise verzweifeln lassen, sie glauben lassen, den Verstand zu verlieren.
Die Bilder sind von so erlesener Art, dass sie auch problemlos in einem Hochglanzblatt für Inneneinrichtungen von Schlössern herhalten könnten als edler Rahmen für eine nicht ganz edle Geschichte. Zu schweigen von der irrsinnig schönen Puppe Brahms.
Aberglaube oder Epitaph?