Der Bunker

Im Bunker gedeiht die Bunkermentalität. Das ist das satirisch-absurde Pflänzchen, was Nikias Chryssos mit seinem Film liebevoll pflegt und illustriert.

Es ist eine Huis-Clos-Gesellschaft bestehend aus Vater, David Scheller, Mutter, Oona von Maydell, und leicht meschuggenem Sohn Klaus, Daniel Fripan, der seinen 8. oder 10. oder 12. Geburtstag als Einjähriger feiert, der den Traum seiner Eltern, etwas ganz Besonderes zu werden, erfüllen soll, Präsident nämlich und weltweit einsatzfähig.

Der bildungsbürgerliche Traum vom Aufstieg, gar vom Ausstieg aus dem privaten Bunker, dem gebildeten Elfenbeintum, der von klassischer Musik beschallt wird. Wie im absurden Theater von Beckett oder Ionesco erwartet die kleine Gemeinschaft einen Gast.

Es ist „der Student“, Pit Bukowski, der in Ruhe eine wissenschaftliche Arbeit schreiben möchte. Er wirkt überrascht von der Fensterlosigkeit und der „Bibliothek“ des Hausherrn in seinem Zimmer, in welcher markant ein Exemplar von „Das Beste aus Readers Digest“ thront.

Das Beste aus der deutschen Bildungs-, Wissenschafts- und Politwelt. Sie hat sich eingebunkert. Ihr geistiger Hintergrund, ihr geistiges Futter sind Hobbes, Macchiavelli, Platon (der Staat), „Staatsrecht leicht gemacht“, Heidegger.

Wenig überraschend, dass die Wissenschaft, also der Gast, nicht zu Potte kommen wird, dass er nicht Ruhe finden wird. Denn die Bildungswelt will an ihm menschliche Defizite kompensieren. Er wird von der Gastgeberfamilie requiriert für die Erziehung des hoffnungsvollen Nachwuchses, der schon überfordert ist, die Hauptstadt von Frankreich auswendig zu lernen.

Alle laben sie sich an der Alma Mater, das sind die Brüste der Mutter, die spirituellen Kontakt zu Heinrich hat; klassischer Verweis. Der Mensch sucht Zuneigung, sucht Körperkontakt, denn von der Wissenschaft allein kann er nicht leben. Auch das läuft einigermaßen behelfsmäßig ab in so einem Bunker.

Zum Witzevorlesen schminkt sich der Papa als Clown; an Deutlichkeit darf es im akademischen Haushalt nicht fehlen, während Körperlichkeit zu Verletzungen und zu Verwundungen führen kann.

Zu interpretieren ist das als groteskes Abbild des Wissenschafts- und Bildungsbetriebes, der in sich ruht, der ein Kosmos für sich ist und sich selbst genügt. Der wenig Bezug zu den realen Ereignissen, zur realen Welt hat; für den offenbar eine Außenwelt gar nicht existiert. Auf die Frage, wie ist es möglich, dass in unserer aufgeklärten Zeit, in unserem noch jungen 3. Jahrtausend bereits so viele Kriege willkürlich und bescheuert vom Zaun gerissen worden sind, mag das vielleicht ein aus verzweifeltem Lachen geborener Lösungshinweis sein.

Mit einem fein formulierten Lob eines gut geratenen Spiegeleies fängt der Film an. Ein Hinweis, auf welcher Ebene der an einer Stelle herbeigefreute Austausch von einem Intellektuellen zum anderen stattfinden könne, der mit einem kleinen Ausflug ins Horrorgenre sich verändern kann.

Die Ausstattung scheint riesigen Spaß daran gehabt zu haben, Sperrmüll auf bürgerlich zu stilisieren. Absurdes Theater. Allerdings gibt es eine Tür bei dieser geschlossenen Gesellschaft, die führt in die reine, unberührte winterliche Waldnatur hinaus.

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