Fantasieankurbelungs- und nicht Zudeckelungs oder Familie-Süß-Anrührfilm.
Familie kommt zwar vor. Familie Marienkäfer flieg. Die können Geräusche machen wie Hubschrauber oder Motorräder. Die wirken, wie aus Blech gemacht. So können sie abstürzen, aber dem Marienkäfer passiert nichts. Vielleicht bleibt er eine Weile regunglos liegen, plötzlich dreht er sich um, klappt seine Flugklappen aus und surrt davon. Die haben die Ruhe weg, unsere Marienkäfer.
Einer kommt beim Familienausflug abhanden. Macht seine eigene Reise. Entdeckt eine Zuckerdose. Die wird von Ameisen durch den Wald geschleppt.
Die Naturaufnahmen sind wunderschön und bilden einen aparten Kontrast zu den verschiedenen Insekten, die in diesem Film umherschwirren und teils mannsgroße Gegenstände, Blätter, Eicheln, gar eine Streichholzschachtel herumtransportieren.
Die Zuckerdose ist der Protagonist, die Hauptprojektionsfläche für die Fantasie. Was damit alles zu machen ist. Was sich darum für Ereignisse abspielen können. Ganz zerdeppert ist sie nach ihrer Reise. Stoisch sind sie, diese Marienkäfer-Helikopter. Sind aber meist in Bewegung. Es sind ihrer genug da. Ameisen gibt es noch mehr.
Der Geschichte vorangestellt ist der Kommentar, dass die Zikaden oder die Grillen sie sich erzählen würden. Die vom Kampf der roten Ameisen gegen die schwarzen Ameisen. Diese wohnen in einer Art Termitenburg. Hier gibt’s eine Ritterschlacht, ganz urig, ganz eigenwillig, nie sind diese Fantasiegeschichten bösartig oder grauenhaft, immer mit dem Pfiff der Fantasie; auch die Vertonung ergötzt sich an leichten Geräuschen, an Stakkatos oder an Pfeifen.
Völlig cool bleibt unser Marienkäfer während der Verteidigung der Burg. Er kämpft auf der Seite der Schwarzen. Die haben Feuerwerksraketen, um die sie umzingelnden, roten Heerscharen auf der Ebene am Fuß der Burg zu verjagen. Die Ameisen haben zum Anzünden nur noch ein Streichholz.
Da erinnert sich unser Marienkäfer an die Anfangsszene des Filmes, eine Picknick-Szene eines jungen Paares, das in einem roten VW-Käfer in den schönen, lichten, steilen Wald hinausgefahren ist. Sie ist hochschwanger. Die Wehen setzen ein und das Paar muss Hals über Kopf los. Sie lassen ihr Picknick-Arsenal inklusive Streichholzschachtel liegen. Der Marienkäfer hat sie dort liegen sehen. Mitten im Schlachtenstress erinnert er sich daran und nimmt sich die Zeit. Er macht sich seelenruhig davon in Richtung Lichtung, um das möglicherweise schlachtentscheidende Requisit zu holen.
Auf dem bedächtigen Rückweg klaut eine Spinne ihm die Streichholzschachtel. Das führt zu einem weiteren, skurrilen Umwegkapitel. Und zu einem Art Formel 1 Rennen gegen größere Insekten, die einen Bruder oder ein Schwesterchen unserers Käfers auf einem Pilz fixiert haben. Bis unser Marienkäfer-Transport-Heli endlich die Schachtel fürs Feuerwerk anliefern kann.
Es wird in diesem Film kein Wort gesprochen. Selbst die zwei Menschen bieten eine Pantomime in der Mini-Vorszene als Auftakt zu dem surrealen Insektenspektakel, was Thomas Szabo und Hélène Giraud mit viel Hinterlist und Grütz angerichtet haben ohne die Getriebenheit pausenloser Hektik wie oft bei Disney oder ohne den krampfhaften Bedarf nach familärer Rührgeschichte oder zwanghaft chronischem Slapstick alle 10 Sekunden. Aus Spaß an der Sach haben sie sich in die Geschichte hineingekniet und der Spaß überträgt sich.
Musik wie aus Orffschen Instrumenten.
Die Geschichtenlogik gehen die Filmemacher ganz locker an, lassen sich von spontanen Ideen treiben, um dann doch wieder überraschend einen Faden aufzunehmen – oder woanders fortzufahren.