Mademoiselle Hanna und die Kunst, Nein zu sagen

Traumhaft leicht montierte, französische, akausale Resonanz zur aktuellen Grapsch-Diskussion in Deutschland anlässlich der Sylvestervorkommnisse in Köln.

Dieser Film von Baya Kasmi, die mit Michel Leclerc auch das Drehbuch geschrieben hat, postuliert einen Zusammenhang zwischen einem Kind, das erzogen worden ist, zu allem Ja zu sagen und dem Verlust von Selbstrespekt und Selbstwertgefühl mit gravierenden Auswirkungen auf das Erwachsenenleben und auf den Lebenslauf.

Hanna, Vimala Pons, stammt aus einer Ehe gemischter Herkunft, der Vater ist Einwanderer aus Algerien, die Mutter Französin. Er betreibt einen kleinen Lebensmittelladen, nicht gerade einträglich, denn er sagt zu allen Kundenwünschen immer Ja. Er schenkt ihnen dies und das, berechnet weniger als es kostet, will nett zu allen sein, hilfreich, geht überall gerene zur Hand, ist immer für die anderen da.

Hanna hat einen kleinen Burder, Dieudonné (Geschenk Gottes) und der Film springt ab und an zwischen den Zeitebenen hin und her, wie die beiden noch Kinder sind und der Jetztzeit, wo sie erwachsen sind.

Die Kinder helfen im elterlichen Geschäft mit, tragen Einkäufe aus, übernehmen selbstverständlich die Maxime, immer für die anderen da zu sein, was immer diese auch verlangen. Hannah wird regelmäßig zu einem Arzt beordert, bringt ihm die Einkäufe. Wird in seine Wohnung gebeten. Sie kann nicht Nein sagen zu seinem Verlangen, sie lässt es sich gefallen, lässt sich nichts anmerken. Sie ist jedoch befreit und glücklich, dass er das Interesse verliert, wie ihr Brüste wachsen. Sie dankt den Brüsten in einer glücklichen Szene mit BH vorm Spiegel.

Aber Hannas Selbstwertgefühl ist weg. Wie selbstverständlich gibt sie sich der Prostitution hin. Weil sie nicht Nein sagen kann. Das Thema der Widerstandslosigkeit wird in einer ziemlich verrückten Szene eingeführt. Hannas Bruder hat Probleme mit der Niere. Hanna wartet vor dem Krankenhaus auf ihn. Ein alter Bekannter spricht sie an, sie sei doch Sandrine. Es ist, so sehen wir später, der Doktor Paul, Laurent Capelluto, den sie nie gekannt hat. Sie spielt das Spiel mit. Sie kann nicht nein sagen. Obwohl sie nicht Sandrine ist.

Jetzt verschlingen sich zwei Handlungsstränge. Paul ist ausgerechnet der Arzt, der die Nierentransplantation für Hannas Bruder vornehmen soll. Organisch gesehen, so haben Untersuchungen gezeigt, würde ihre Nierenspende hervorragend passen. Paul spürt Sandrine alias Hanna auch an ihrem Arbeitsplatz am Strich auf, liebt sie und bezahlt sie.

Der Bruder entdeckt, dass Paul nicht nur sein Arzt, sondern auch ein Freier von seiner Schwester ist, die ihm doch eine Niere spenden möchte. Das kann Dieudonné nicht ertragen. Er hat sein eigenes SchicksalsPäckchen, verstörende Erlebnisse als Bub in einer Sauna mit lauter dicken Frauen, ein Huscher in der bidllichen Erinnerung, mehr Andeutung als nötig macht Baya Kasmi nicht. Auch Dieudonné hat Identitätsprobleme, er, der Einwanderer der zweiten Generation. Er löst sie mit der Hinwendung zu einem strengen, reinen und wie sein Lächeln zeigt: dauerreinen Islam. Mehdi Djaadi spielt das großartig, diese pausenlose Erleuchtetheit.

Dieudonnés Frau muss Kopftuch tragen. Das Leben, das seine Schwester führt, ist für ihn nicht erträglich. Er verlässt Frankreich in Richtung Algerien, dem Land seines Vaters. Das scheint ihm der Ort seines Glückes zu sein. Denn auch seine Identität als Franzose kann ihm keinen Halt geben.

Der Empfang in Algerien ist ernüchternd, die Wohnung in desaströsem Zustand – seine Religiosität lächelt das hinweg. Gesundheitlich geht es Dieudonné immer schlechter. So wird der Besuch von Paul und Hanna die Wende zur Besserung einleiten.

Der Film schwirrt und flirrt um das schwierige Thema Identität und Selbstwert, kulturelle, religiöse, nationale und geschlechtliche Identität und damit Selbstwertgefühl. Es gibt saukomische Szenen: wenn Paul in einer Runde von Ärzten Hanna vorstellt und seine Kollegen als akademisch aufgeklärte, tolerante Menschen voraussetzt und dann mit der Wahrheit, dass sie eine Nutte sei, rausrückt; bewirkt köstlich lange Gesichter. Auch die Hierarchie der Ärzte kommt in launigen, kleinen Bemerkungen zum Tragen scharf wie in einer Karikatur: einer meint, wie die Ärzte sich vorstellen, selbstwertmindernd: er sei Schulpsychologe.

Ein Film, der wie eine Sternschnuppe auf ein Deutschland fällt, das sich just in hochaufgeregtem Ton über die Sylvestergrapschereien in Köln echauffiert (inzwischen ist das Thema bereits durch die Istanbul-Bomberei weggekickt) und Mühe hat, damit umzugehen, als ob es nicht empirisch erwartbar wäre, dass unter einer Million Einwanderern und Flüchtlingen einige nicht der Erwartung des demütig Dankbaren entsprechen.

So sorgfältig der Film gemacht ist, aus so leichter Hand und unangestrengt wirkt die deutsche Nachsynchronisation.

Pointiert ist der Seitenhieb auf den unaufgeklärten Islam, der sich in Dieudonnés und seiner Frau Kleidung niederschlägt, bei der Begrüßung in Algerien: ob er aus Afghanistan komme?

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