Zwischen Himmel und Eis

Dieses aufregende Stück Antarktis-Forschungsgeschichte von Luc Jacquet (Das Geheimnis der Bäume) über und mit dem visionären Glaziologen Claude Lorius hätte in Deutschland eine bessere Behandlung durch das Marketing verdient, zumindest was den deutschen Titel und das Presseheft betrifft.

Auf Französisch heißt der Titel schlicht „Der Himmel und das Eis“. Das löst nicht solche vom Thema ablenkende Fantasien aus, wie der Deutsche Titel mit „zwischen“ dazwischen, zwischen Himmel und Erde, zwischen Himmel und Hölle.

Noch stärker weist das hübsch gestaltete Presseheft weg vom Film. Mit der Medaille „Prädikat besonders wertvoll“ soll die Assoziation an einen besonders wertvollen Film, wie an einen besonders wertvollen Wein erweckt werden. Das mag noch angehen. Das Prädikat verdient der Film hundertmal. Nur ist die Frage, ob so ein Prädikat Zuschauer anlockt.

Weit schlimmer finde ich, dass der Film so angepriesen wird, wie diese modischen Naturfilme mit den grandiosen Kameras und den geistig bescheidenen Kommentaren, wobei der deutsche Sprecher noch eine Erwähnung wie ein Star bekommt. Das ist hier besonders peinlich, weil der eigentliche Star, Claude Lorius auf der Titelseite überhaupt nicht erscheint; obwohl er, wie ein paar überflüssige Reinschnipsel gegen Schluss des Filmes beweisen, oft in Talkshows gewesen ist, also nicht gänzlich unbekannt sein dürfte.

Hier also ein Max Moor als angepriesener Sprecher, der offenbar auch Moderator ist; er spricht so diskret, dass er als Voice-Over durchaus akzeptabel ist; da aber der Forscher in der Ich-Person erzählt, wäre es ein zusätzliches Plus für die deutsche Kopie geworden, wenn ein Schauspieler das gesprochen hätte, der die Rolle quasi auch studiert hätte. Denn Lorius ist mit seinen über 80 Jahren, mit denen Jacquet ihn nochmals aufs Artktiseis stellt, eine hellwache, neugierige, visionäre Person und Persönlichkeit.

Angemessen wäre ein reißerischer Titel: die irren Entdeckungen des Claude Lorius in der Antarktis. Er hat sehr jung schon, in den frühen 50ern an einer der ersten Antarktis-Expeditionen nach dem Krieg teilgenommen und ein ganzes Jahr mit zwei anderen Forschern auf einer abgelegenen Forschungsstation verbracht.

Die Antarktis hat ihn darauf hin nur noch mehr fasziniert. Im Laufe des Lebens ist er auf über 20 Expeditionen gekommen, die immer aufwändiger ausgestattet waren. Denn sein Vision hatte es in sich, hat überall auf der Welt aufhorchen lassen und ihm internationale Zusammenarbeit ermöglicht. Er war sich sicher und hat das bewiesen, dass im ewigen Eis, je tiefer er bohrt, anhand der Luftbläschen die klimatischen Bedingungen über die Jahrtausende abzulesen sind und damit die Zyklen von Eiszeit und Eisschmelze und hochaktuell immer noch für uns, für jeden Verbraucher, den Einfluss des CO2-Ausstoßes der Menschen auf diesen Zyklus, dass dieser ihn ernorm beschleunigt. Das ist heute Allgemeinwissen. Ein bisschen erfüllt ihn das mit Stolz, dass die Geschichte ihm inzwischen recht gegeben hat.

Diesen wissenschaftlich trockenen Stoff bereitet Jacquot nun überhaupt nicht lehrhaft auf. Er hatte Zugang zu Archivfilmen verschiedener Expeditionen, oft in Super-8. Das sind cineastische Fundstücken der Extraklasse.

Wenn eines von zwei Frachtflugzeugen, die in der Antarktiks verfügbar sind beim Start abstürzt, so stürzt das Lorius in eine große Krise, er befürchtet, die Amis würden keine weitere Expedition finanzieren. Aber für die ist so ein Flugzeug gar nichts im Gegensatz zum Wert seiner Forschungen.

Wie diese uralten Eisbohrkerne gefördert werden, wie sie verpackt werden, aber auch wie die Forscher bei eisigsten Temperaturen Transportfahrzeuge reparieren, wie sie die Ölfässer außen anzünden müssen, um den Sprit in die Tanks zu gießen, wie ein Mast mit Forschungsgeräten einknickt und mühsamst, verflucht seien die Konstrukeure, Schraube für Schraube wieder zusammengesetzt werden muss. In diesen Momenten wird dieser Film noch zusätzlich zum spannenden Abenteuerfilm genaus so wie beim lebensgefährlichen Weg über Gletscherspalten. Erfindung des Isotopenthermostates. Oder gar die Hölle auf Erden, die russische Station, in der es nach Kerosin und Wodka riecht.

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