Das Geheimnis dieses Filmes kann ich nicht ausplaudern, da es nicht leicht zu entschlüsseln ist. Warum kann einen der Bericht oder die Konstruktion einer doch, hm, banalen Realität dermaßen faszinieren, das Leben einer Filmregisseurin, die einen Film nah am Leben machen will, die ihre Schauspieler immerzu und gnadenlos pusht, sich einerseits als Schauspieler einzubringen und andererseits nah an den Figuren zu sein?
Der Film, den sie dreht, ist ein sozial engagierter Film, in dem es um eine Heuschrecke geht, die eine Firma aufkaufen möchte und als erstes Arbeiter entlassen wird zum Behufe der Gewinnmaximierung und Verbesserung der Rentabilität.
Das Privatleben von Margeritha, großartig verkörpert von Margeritha Buy, auch hier treibt Nanni Moretti, der mit Valia Santella + 3 auch das geschickte Drehbuch geschrieben hat, sein Spiel mit der Kunst und dem Leben, indem er den Vornamen der Darstellerin auch als Rollennamen benutzt, Nähe zur Realität und doch Differenz dazu, das scheint ein Mittel zu sein, deutlich sichtbar an der Rolle des Stars im Film, des internationalen Stars Barry Huggins, gespielt von eben einem internationalen Filmstar, John Turturro, der im Gegensatz zur Realität immer einen Tick zu dick Kunst draufsetzt, somit als Vertreter der Commedia fungiert, er ist am Set ein Zusatzproblem für die Regisseurin, die ihn, auch kleine Differenz zur Realität, persönlich in einem Kleinwagen abholt vom Flughafen und zum Hotel fährt, während er, vollkommen übernächtigt sie direkt anmacht im Glauben, sie sei die Fahrerin. Das größere private Problem für die Regisseurin ist die Titelfigur des Filmes, auch da muss man nachdenken, wieso dem so ist, ganz großartig Giulia Lazzarini als Mutter Ada, die bereits todkrank ist und im Spital liegt, die auf die Intensivstation verlegt wird, eine ehemalige, beliebte Professorin, die ihrer Enkelin Livia versucht Latein beizubringen.
Livia lebt bei ihrem Vater Vittorio, während Margeritha mit Giovanni, Nanni Moretti (auch hier wieder Realität und Abbild: Giovanni, Kurzform Nanni) zusammen ist, einem Ingenieur, der gerade dabei ist, seinen Job zu verlieren.
Das mag das Geheimnis sein in diesem Meisterwerk, Meisterwerk allein schon deswegen, weil es einen reinzieht in diese heutigen und doch recht alltäglichen Familien- und Arbeitsverhältnisse, auch wenn Film mit der Pinzette herausgepickte Sonderrealität ist.
Die Absicht, die im Film formuliert wird, dass Film ein Abbild der Realität zu bieten habe, die versucht der Film selber und erfüllt sie grandios, sie verschwimmen ineinander, die hier entwickelte und vorgeführte fiktionale Realität ergibt eine glaubwürdige Realität in der noch dazu verschiedene Realiäten oder Bewusstseinsebenen dauernd ineinander fließen, schöne Momente dafür sind kleine Absenzen, die Margherita bei einer Pressekonferenz hat oder zwischen dem Befehl “Action“ und dessen Überlappung mit einer kurzen, vorherigen Besprechung mit dem Protagonisten.
Der ist schwierig, schlecht vorbereitet, eitel, Turturro hebt das mit Laune hervor und platzt mit seinem übertriebenen italienischen Akzent wie ein Elefant in den Porzellanladen der präzise beobachteten und sortierten Gefühle an so einem Filmset.
Auch das ist eine Stärke dieses Filmes, dass man schnell Sympathie gewinnt sowohl für die Filmmannschaft als auch für die Familie von Margherita. Dass man gespannt und neugierig auf die Realität ist, die Nanni Moretto mit leichter Meisterhand und immer mit der kleinen Differenz zur „realen“ Realität auf die Leinwand zaubert.
Beispielhaft an Autofahrszenen im Film, wenn das Auto auf einem filmspeziellen Tieflader gefahren wird und vollgestopft und umringt ist von Licht- und Tontechnik und der Crew, die wie die Hühner auf einer Bank am Zugfahrzeug arrangiert sind und der Darsteller soll so tun, als habe er eine Straße vor sich.
Und das kleine Echo auf die Schwierigkeiten des Fahrens selber, wie Livia ihren ersten Roller bekommt und ausprobiert. Gebannt schaut man zu, wie hier Leben lebt und vorbeigeht.
Weitere Details: die Komparsen, die unecht aussehen. Die Privattelefone, die die Regisseurin am Set mit den Handy führt. „Do not touch my hair“, das Mimotische des Protagonisten, des Stars, das Geschimpfe über die Dialoge „di merdo“. „Take me back to reality“; man spürt förmlich, wie sowohl das Leben als auch die Kunst auf Sand gebaut sind.
Die von Moretti konstruierte Realität wirkt wie ein glaubwürdiges Abbild der „realen“ Realität – mit den kleinen Differnzen, damit keiner glaubt, es sei „die“ Realität an und für sich. Hier fließen Kunst und Leben fugenlos ineinander. Differenz zur Realität: manchmal läuft die Regisseurin am Set eher wie eine Aufnahmeleiterin herum. Kino soll die Alltagsrealität reflektieren. Ist so unsere Zeit? Gut möglich – so sicher auch – so kann sie durchaus sein.