Familienbande – You’re Ugly Too

Ein Kabinettsstückchen an hypothetischem Fall einer Resozialisierung mit gallig britisch-belgischem Humor, ein packendes, kleines Soziodram, das mehr in der Art eines konstruierten Exemplums denn eines Reality-TVs rund um das Thema Resozialisierung noch die Themen Gewalt von Männern in der Familie, Drogenabhängigkeit und Coming-of-Age verbunden mit häufiger Bewusstlosigkeit griffig konkret werden lässt. Der Versuch einer Neu- und Ersatzkonstruktion von Familie auf hauchdünnem Eis.

Will, Aiden Gillen, wird vorzeitig auf Bewährung freigelassen aus dem Knast, damit er sich um seine aufgeweckte Nichte kümmern kann, da deren Mutter, die Schwester von Will, gestorben ist. Den Vater gibt es schon lange nicht mehr.

Dramaturgisch ist das ein Gebäude von hoher Brüchigkeit, diese wird noch erhöht durch das Defizit von Nichte Stacey, die unter Nekrolepsie leidet, das sind Bewusstseinsverluste mitten am Tag. Das macht es zudem schwer, an der Schule aufgenommen zu werden.

Von Ersatzvater Onkel Will kann nicht behauptet werden, er sei schon clean, dazu dürfte der Knast nicht der richtige Ort gewesen sein. Da sind Amphetamine wie Methylphenidat, das der Arzt Stacey verschreibt, eine merkliche Verführung und eine weitere Gefahr, in die sich Will begibt.

Der Film spielt in Irland. Will und Stacey richten sich in einer kleinen Campersiedlung in einem Wohntrailer notdürftig ein, entwickeln schnell ein gegenseitig besorgtes Verhältnis ganz ohne Kitsch vielmehr mit einigen direkten Bemerkungen, die andere durchaus als verletzend empfinden könnten.

Will ruft täglich zur verordneten Stunde bei seinem Bewährungshelfer an, auch so eine riskante Stolperschwelle; man hofft inständig, dass die Telefonzelle nicht defekt sei, wenn er mitten in einer familiären Szene ankündigt, er müsse kurz weg.

Mit der Jobsuche tut er sich nicht leicht mit seiner direkten Offenheit, mit seiner Ehrlichkeit seine Lebenssituation betreffend. Wer will schon Ex-Knastis engagieren.

Diesen Befund findet nur der kleine Bub von Emilie, Erika Sainte, geil, die den belgischen Input zu diesem Film beiträgt. Sie ist eine Lehrerin und kann beim Schulproblem nützlich sein. Sie taucht eines Abends unverhofft am Wohnwagen von Will und Stacey auf. Sie rennt vor ihrem gewalttätigen und mit Kumpeln sich betrinkenden Mann Tibor, George Piestereanu, davon, sucht Zuflucht im fast schon anheimelnd zu nennenden Trailer.

Tibor ist ein sympathischer, bäriger Kerl, attraktiv als Mann, als LKW-Fahrer kann er Will sogar einen Job besorgen. Allerdings gerät Emilie zusehends ins Magnetfeld beider Männer, die das gelassen sehen, sie aber als Ventil den Witz von der Kuh und den beiden Heuballen erzählen lassen.

Wobei Will geneigt ist, Familienträume zu spinnen, die er über jedes Gesetz stellen würde. Halt und Perspektive könnte ihm das geben, wenn nicht das Gesetz noch da wäre. Resozialsierung ist ein harter Kampf, fast wie der der Europäer mit Griechenland, ein ewiges Dilemma zwischen Disziplin und Austerity einerseits und zwischen Leben und Glück andererseits, zwischen leben und leben lassen. Der Originaltitel des Filmes „You’re Ugly Too“, Du bist außerdem hässlich, das ist die bitterböse Pointe eines rabenschwarzen Arztwitzes, den der Film bis kurz vor Schluss aufbewahrt.

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