Abdul, Edgar, Ilja, Julius, Maxim, Özcan, Santino, Robin und Tom sind junge Männer in den späten Teens, die sich mit Gewalt auskennen, die es gewohnt sind, solche einzustecken und auszuteilen und die es deswegen mit den Gerichten zu tun bekommen haben und verurteilt worden sind.
Der moderne Strafvollzug hat begriffen, dass Einsperren und Wegsperren die Menschen nicht weiterbringt. Deshalb gibt er solchen Straftätern die Chance, an einem 8-monatigen AAT, einem Anti-Aggressivitäts-Training teilnzunehmen. Dafür müssen sie eine Verpflichtung unterschreiben, jeden Termin wahrzunehmen, die Handys auszuschalten und die Käppis während des Trainings abzunehmen. Die Regeln sind streng, wer einmal fehlt, ist aus dem Kurs raus, wird wieder dem Richter vorgeführt und muss mit Knast rechnen. Von den 9 Männern, die am Anfang dabei sind, sind es am Schluss noch 6. Immerhin – und die Rückfallsquote liege bei weniger als der Hälfte. Das macht unsere Gesellschaft definitiv sicherer und menschlicher.
Uli Kick durfte dieses Training als Dokumentarist begleiten, das von Trainer Thomas Adler und vom Erzieher und Erlebnispädagogen Bernd Täschlein geleitet wird.
Kick verzichtet zum Vorteil der Dokumentation auf jegliche Statements und Interviews. Er ist angenehm diskret dabei, scheint Vertrauen geschaffen zu haben. Die jungen Männer sind alle filmisch interessant, spannender als viele junge Fernsehschauspieler, weil sie gravierende Konflikte haben und weil sie lernen müssen, darüber zu sprechen und Vertrauen zu entwickeln zu anderen Menschen. Dazu gibt es anfangs Teamübungen: sich von erhöhter Position in die ausgebreiteten Arme der anderen fallen lassen oder das Experiment mit der Leiter, die frei aufgestellt wird und Stabilität nur durch Seile erhält, die die Kollegen straff ziehen.
Es gibt die sogenannten Einzelinterviews. Ein Kursleiter sitzt einem Teilnehmer gegenüber und befragt ihn zu seiner Tat, zu seinem Verhältnis zur Gewalt, zu seiner Herkunft. Die anderen sitzen hinter einem Paravant, hören das Gespräch mit und müssen sich Notizen machen.
Es gibt den heißen Stuhl, im amerikanische Parlament würde man das wohl das „Grillen“ nennen. Der Kandidat sitzt auf einem Stuhl, alle anderen im Kreis um ihn herum und stellen ihm Fragen, provozieren ihn.
Ein Startritual für die Sitzungen sind die zwei Dinge der Woche: was war gut, was war schlecht. Jeder muss eine Aussage dazu treffen. Selbstreflexion wird so gefordert und trainiert.
Konkretes Anti-Aggressions-Training bietet ein Kampfkunstlehrer. Bei ihm werden wie im Theater Rollen verteilt und gespielt, die mit der Verführung zur Gewalttätigkeit zu tun haben. Hier müssen sie lernen, nachzudenken, bevor sie zuschlagen: gib dir sieben Atemzüge, bevor du zuschlägst. In dieser Lektion werden auch drastisch die Folgen von Tritten und Schlägen für die Opfer bewusst gemacht.
Das Team wächst während dieser Zeit merklich zusammen und die Darsteller dem Zuschauer ans Herzen. Er fragt sich leicht besorgt, was wird aus den Jungs, wenn sie dieses Team nicht mehr haben, wenn sie wieder in freier Wildbahn sind, ist doch ein soziales Netz das kostbarste und effizienteste Mittel gegen Gewalt. Eine Gruppe, in der man sich offen austauschen kann, in der man akzeptiert wird, in der keiner beweisen muss, dass er der King ist, in der alle sich irgendwie schuldig gemacht haben. Aber man sieht auch die ganze Mühsal, die es erfordert, Menschen, die in Gewaltzirkeln eingesponnen sind, daraus hinauszuhelfen.
Ein Tag gilt schließlich der guten Tat, der Wiedergutmachungstag. Die Gruppe streicht einen Kellerraum in einer Institution für die Betreuung von Erwachsenen mit Behinderung. Auch muss das Team einen ausladend großen Tisch 800 Meter in ein anderes Haus transportieren.
Hier wird Zwangsgebührengeld sinnig investiert, handelt es sich im Endeffekt um eine praktische Lektion in Sachen Demokratie. Redaktion BR: Christian von Hahn.