Die Schüler der Madame Anne

Ahmed Dramé ist ein begabter 20-Jähriger aus Paris. Er hat die Erlebnisse, die er 2009 in der elften Klasse am Léon Blum Gymnasium in Créteuil erlebt hat, aufgeschrieben. Durch den „nationalen Wettbewerb zum Widerstand und zur Deportation“ hat seine von den Lehrern praktisch nicht handhabbare Klasse zu einem Team gefunden und dabei angefangen, sich für die Geschichte des Holocaust, der Shoa zu interessieren. So ist aus dem Film ein gut gemeinter Message-Film geworden, wobei Dramé die missionarischen Gäule zusehends durchbrennen.

Ahmed Dramé hat seine Geschichte mit der Regisseurin Marie-Castille Mention-Schaar (Willkommen in der Bretagne) zum Drehbuch umgearbeitet. Er selbst spielt darin den Schüler Malik.

Dramé muss ein guter Beobachter sein, denn die einführenden Szenen, die den Schulalltag, resp. die schiere Unmöglichkeit eines vernünftigen Unterrichtes schildern, wirken realitätsnah mit gepfeffertem Witz im schnellen Hin und Her von Lehrsätzen der Lehrerin und den unpassenden Kommentarsätzen der Schüler. Erinnert in seiner Qualität an den eindrücklichen französischen Film „Die Klasse“ von 2008.

Allerdings macht der Film nach etwa einer halben Stunde, von dem Moment an, wo das Projekt des nationalen Wettbewerbes ins Spiel kommt und gegen die Skepsis des Lehrergremiums von der Klassenlehrerin Anne Gueguen, Ariane Ascaride, durchgesetzt wird, eine merkwürdige Metamorphose durch. Er wird selber zum Protokoll dieser Arbeit, schlüpft zurück in die Schulrealität, wird zum innerschulischen Referat ohne jede Relevanz für den unbeteiligten Außenstehenden.

Die von Dramé mit heißer Jugendbegeisterung und Sendungsbewusstsein vorgetragene Message will den Zuschauer für das Thema Holocaust interessieren, ihm eine Geschichtslektion erteilen.

Dieser Eindruck wird noch verstärkt, durch die lange Szene mit dem Holocaustüberlebenden Léon Zuyguel, der von Schule zu Schule reist, um das Gedächtnis an die Gräuel aufrechtzuerhalten. Das kann man dem jungen Autor, der von einer Kinokarriere träumt, auch das kommt in seiner Rolle vor, nicht zum Vorwurf machen, dass er sich hier zum Multiplikator dieses Überlebendenberichts berufen fühlt.

Aber der Regisseurin Maire-Castille Mention-Schaar oder den Produzenten hätte das schon auffallen müssen, dass der Wirkungsbereich des Filmes so doch sehr begrenzt bleiben dürfte. Der Kinobesucher möchte eine spannende Geschichte erleben und nicht die Besichtigung einer Holocaust-Gedenkstätte mitmachen müssen. Hier ist einem jungen Mann sein Idealismus durchgegangen und niemand hat ihn gebremst.

Immerhin dürften weitere Rollen für den sympathischen und ernsthaften Darsteller, der auch gut ausschaut, drin liegen, wie auch für einige andere der Nachwuchskräfte. Auch der Lehrkörper und der verschrumpelte Schulleiter sind prima gecastet, spielen ihre Parts glaubwürdig.

Wobei im Schulunterricht interessante Themen vorkommen, die Besichtigung einer Kirche oder von Gemälden, die These, dass es keine unschuldigen Bilder gebe. Das gilt selbstverständlich auch für diesen Film, auch wenn er sich gegenteilig verhält. Was unser Autor lernen muss, den Unterschied zu erkennen zwischen der eigenen Biographie, dem eigenen Erleben und dem Konstrukt einer spannenden Geschichte, die ihre Individualität aus dem autobiographischem Boden holt. Die Differenz zwischen Realität und Geschichte, dafür wird er sein Bewusstsein schärfen müssen. Wobei die genaue Beobachtung der Realität meines Erachtes eine unentbehrliche Grundlage für die Entwicklung einer Geschichte ist. Über die verfügt Dramé bereits. Seine Geschichte aber eiert sentimental aus.

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