Da hat sich Stefan Schwietert, der mit „Heimatklänge“ kulturell betört hat, mit dieser Dokumentation über Bill Drummmond, den britischen Missionarssohn und Musiker mit Verwertungsverweigerung, auf etwas eingelassen.
Drummond war in den frühen Neunzigern ein überaus erfolgreicher Musiker. Mit dem reinen Erfolg steht er auf Kriegsfuß. Er erregte Aufsehen mit einer Performance, in welcher er eine Million Pfund in Noten verbrannte. Die Aktion ist immerhin auf Video gebannt. Als Relikt findet sich in einem Container mit der Hinterlassenschaft seiner Band ein Ziegelstein, der aus der Asche der verbrannten Noten gepresst worden ist.
Aber auch die Rechte für die Musik jener Band, die KFL hieß, seien alle zurückgezogen. Die Stücke dürfen nicht mehr öffentlich aufgeführt werden. Darüber, wie er die Musikaktion, bei der Schwietert ihn hier ein Stück begleitet, finanziert, erfahren wir nichts.
Drummond hat die Nase voll von Konservenmusik, von der Musik als Ware. Das erzählt er bei einer Fahrt mit dem Land Rover durch eine der vielen englischen Bilderbuchlandschaften, die in diesem Film nebst schöner Fotografie aus dem Arbeitsleben vorkommen. So sei er einmal über Land gebraust. Die Musikkonserve, die er laufen hatte, habe er abgestellt und nur den Motor gehört und angefangen, Töne zu diesem Geräusch zu produzieren.
Herausgekommen ist die Kunstaktion The 17. Drummond baut sich einen Chor zusammen: er fährt entlang eines Breitengrades und wo immer er Menschen vermutet oder findet, in Fabriken, der Landwirtschaft, Schule, Altenheim, Taxistand oder Straßenbau, so bittet er sie, ihm ins Mikro einen Score zu singen. Ein Score ist demnach eine Anleitung für eine einfache Tonkombination.
Am Schluss des Filmes montiert er diese Scores zusammen und hört es sich, das Kamerateam von Stefan Schwietert ist auch dabei, aber ohne Mikro!, auf einem einsamen Felsen am malerisch-wilden Meer und verstärkt durch Lautsprecher an. Dann wird das Tape gelöscht. Der Kinozuschauer, der eben die Sammlung dieser Töne dokumentiert bekommen hat, hört nur das Rauschen des Meeres, der Musikkanal ist für ihn abgestellt, er wird auf diese Weise um das Resultat der Recherchearbeit von Drummond geprellt.
Zwischendrin wühlt Schwietert in Bills privaten Fotoalben, in der Geschichte seiner Band. In keiner Sekunde versucht Bill via Kamera die Leute für sich zu vereinnahmen, Sympathie zu gewinnen. Er geht seiner Wege, er tritt auf als ein Musikmissionar, die Leute machen mit oder auch nicht, Geld bekommen sie keines dafür und schon gar kein Tape mit dem Resultat. Es ist eine Art verquere Verwertungsverweigerungsphilosophie, die Drummond hier über das Verwertungsprodukt Dokumentarfilm, das Stefan Schwietert sicher nicht ohne Verdienstabsicht gestartet hat, verbreitet. Und enthält dem Zuschauer den Höhepunkt des Sammlereifers vor, Kinogenuss interruptus.
Insofern war dieses Anhören des Endproduktes eine rein private Angelegenheit. Warum also über die Vorarbeiten berichten und das Publikum vom Endergebnis ausschließen? Allerdings nicht ganz: einen kleinen Eindruck bekommt der Zuschauer gefiltert, nämlich das, was über den Kopfhörer, nach außen dringt, wie Bill sich das Resultat mit dem Tontechniker probehalber anhört.
Fazit: Kommerz ist Scheiße, aber Nicht-Kommerz kann es genauso sein. Wobei ein wissenschaftliches Projekt, zu erforschen, ob Stimmen des gleichen Breitengrades Ähnlichkeiten aufweisen, faszinierend sein könnte. Oder: ein hilflos-skurriles Aufbegeheren, ein Zeichen gegen die heutige Allverfügbarkeit von Musik, wie es mit dem i-Pod anfing.
Zu guter Letzt wird’s noch Mitmachkino: Bill fordert das Publikum auf, Töne zum eigenen Puls zu improvisieren. So komplimentiert man seine Leute aus dem Kino mit dem Konserven-Life-Effekt.