Mediterranea – Refugees Welcome?

Ayiva (Koudous Seihon) und Abas (Alassane Sy) sind zwei junge Männer aus Burkina Faso. Sie träumen von einem besseren Leben in Europa und machen sich auf den beschwerlichen, illegalen Fluchtweg durch die Sahara über Algerien, Libyen und dann per Boot nach Italien.

Ayiva lässt sein Töchterchen zurück, dem er eine günstigere Zukunft als sie in Burkina Faso zu erwarten hat, bereiten möchte. Er ist der helle, wache, weltoffen-freundliche Typ, während Abas mehr der politisch intellektuell denkende Skeptiker ist, der nicht gleich freundlich zu jedermann ist, der sich nicht unbedingt an die Anleitung des Vorarbeiters in der Orangenplantage hält, der die Zustände, in denen sie in Italien leben, nicht tatenlos akzeptieren wird.

Also ein spannendes Gespann von Protagonisten, das Jonas Carpignano für seinen mit großer Gründlichkeit recherchierten – Jahre für die Feldforschung in Rosarno in Süditalien – und entwickelten Film gecastet und die Rollen entwickelt hat, so dass der Film, auch wenn er fiktional ist, den Eindruck eines atemberaubenden Reencactments erweckt.

Zu diesem Eindruck trägt ihr wesentliches Teil die Kamera von Wyatt Garfield bei, der die actionhaften Momente der Flucht wie Besteigen eines schon mit Säcken überladenen LKWs durch die Flüchtlinge, Überfall der Flüchtingsgruppe in der Sahara durch Banditen, Besteigen des Gummibootes an der libyischen Küste, Gewitter bei der Überfahrt, das Kentern, Aufstand der gemobbten Schwarzen in Rosarno (2010 hat es da tatsächlich Unruhen gegeben), der Arbeiterstrich für die Jobs auf der Plantage, aber auch Party und Tanzen mit moderner Wackelkamera in der Qualität der Stimmungserzeugung wirkungsvoll aufnimmt; der aber genügend Momente findet, in denen er die Protagonisten portraithaft im inneren Monolog vertieft zeigt, beim Telefonieren, Zigarette rauchend oder schlicht beim Sinnieren: hier kommen die beiden faszinierenen Charaktere der Protagonisten und mit ihnen die Schönheit Afrikas eindrücklich zur Geltung.

Heilige sind sie beide nicht. Es geht um Überlebenskampf, es geht um den Weg ins gelobte Europa, was sich nach einiger Zeit nicht mehr so strahlend darstellt. Auch die Fotografie in Italien ist alles andere als werbeprospekttauglich. Die Afrikener hausen anfangs in armseligen Verschlägen, die Nächte bibbernd kalt, Holzfeuer geben nicht genug Wärme.

In den Kontakten nach Hause muss die Lage schöngeredet werden. Ayiva klaut in einem Zug der italienischen Eisenbahn einem Reisenden seinen Koffer und kommt damit an dicke Wollpullover und einen MP3-Player ran. Dieses Requisit nutzt Carpignango, um ein Schlaglicht auf die Handelsstrukturen, die sich um solche Flüchtlingsunterkünfte herum bilden, zu werfen. Dabei ist er auf einen Jungen gestoßen, kaum mehr als zehn Jahre alt, der schon abgebrüht handelt wie ein Großer, der mit allen Wassern gewaschen ist, eine kinematographische Rosine sondergleichen. Oder wie Ayiva Handschuhe auftreibt und sie an seine Pflückerkollegen weiterverscherbelt.

Ayiva selbst entwickelt durch seine offenes und intelligentes Wesen, er lernt schnell italienisch, ein persönliches Verhältnis zum Plantagenbesitzer Rocco, der relativ menschlich gezeichnet wird. Er wird auch in dessen Familie aufgenommen und einmal eingeladen. Bei diesem Essen sieht man nur Ayiva. Aber Rocco begrüsst die beiden Gäste in der Familienrunde – und der Kameramann winkt von hinter der Kamera hervor; gelungener Hinweis auf die dokumentarische Intention dieses Spielfilmes. Dieser kommt zugute, dass Carpignano beim Cast bis auf die Rolle des Abas sich auf Originalfiguren aus Rosarno beschränkt. Wobei er zum Darsteller des Ayivas, Koudous Seihon, der selbst den Fluchtweg gemacht hat, über die Jahre eine Freundschaft entwickelt hat und ihm die Rolle, die sich allerdings aus diversen Quellen nähren dürfte, auf den Leib geschrieben hat.

Durch diese lange, intensive Befassung mit dem Thema und den Leuten in Rosarno ergibt sich die starke Glaubwürdigkeit der Darstellung, dieser Effekt des Reenactments, der zu einem beindruckenden, spannenden, einmaligen Kinoerlebnis führt und zugleich Begeisterung für das Kino als solches, was imstande ist solche Erlebnisse zu erzeugen, wecken kann.

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