Buddelkastenfreundschaft und Familienbande, nichts hält besser, kann besser halten als jedes Gesetz und jede Vorschrift. Hier geht es um solche nach der realen Geschichte der irischen Mafia in Boston in den 70ern und 80ern des letzten Jahrhunderts.
Die Hauptfigur ist James „Whitey“ Bulgar, fast perfekt nachgespielt von Johnny Depp und sicher noch perfekter nachgestylt. Maske und das Spiel von Depp verkörpern diesen abgrundtief skrupellosen Mafiatypen, der wo immer es möglich ist, seine Finger drin hat, nur legal darf es nicht sein, das ist ein beeindruckendes, düsteres Leinwandportrait, diese Augen, die nur darüber zu wachen scheinen, keinen Nachteil zu inhalieren und im richtigen Moment mit Waffen oder auch mit roher Körpergewalt zuzuschlagen.
Er und sein Bruder sind in einfachen Verhältnissen im Bostoner Süden aufgewachsen. Sein Bruder Billy macht auf der legalen Seite der Stadt Karriere und wird Senator. Ihn stellt Benedict Cumberbatch dar – bei der Parade zum St. Patricks-Day mit einer Leichtigkeit von tänzelndem Schritt im Gang, den Johnny Depp für Jimmy nicht in die Rolle eingebaut hat (falls ich mich nicht täusche, komm im Abspann ein kurzer Auftritt des Originals, das sich genau durch deutlichere Leichtigkeit und Agilität in der Körperlichkeit unterscheidet).
Da der Bruder von Jimmy Senator ist, ist es nicht weiter verwunderlich, dass in Boston nie richtig Aktion gegen Jimmy unternommen wird. Allerdings ist auch noch der Buddelkastenfreund aus Südboston, John Connolly, Joel Edgerton, im Spiel, der zum FBI avanciert ist und dort schützend seine Hand über Jimmy hält. Sein wichtigstes Argument: Jimmy sei der entscheidende Hinweisgeber gegen die Italiener-Mafia im Norden Bostons (die Jimmy selbstverständlich ein Dorn im Auge ist).
Mit blutigen Kollateralschäden funktioniert das Game auch lange gut. Bis ein Staatsanwalt nach Boston versetzt wird, der Ernst macht mit dem Aufräumen bei der irischen Mafia. Die Resultate seines Wirkens sind im Abspann zu lesen.
Scott Cooper hat nach einem Drehbuch von Mark Mallouk und Jez Butterworth, die sich auf Dirk Lehr und Gerard O’Neill beziehen, Regie geführt. Er entwirft ein konsequent düsteres Bild von Boston, nicht nur durch Zurückhaltung beim Einsatz von Lichtquellen und viele Nachtaufnahmen – so dass die paar bunten Häuschen ganz irreal wirken im Viertel, wo die Bande aufgewachsen ist und die Mutter anfangs noch lebt (wobei Frauen kaum vorkommen in diesem Film, noch eine Nutte und die Frau von Connolly, die ersten beiden sterben, die Mutter eines natürlichen Todes, was zu einem schön gedämpften, kirchlichen Requiem führt, die Nutte eines unnatürlichen Todes und was mit der Frau von Connolly passiert, das erfahren wir nicht – wirklich ein Thema zum Inklammernsetzen).
Zu Düsterkeit tragen Regie und Maske bei. Die Regie, die die Männer ihre Texte langsam und gesetzt, direkt an der Grenze zur Bedeutsamkeit sprechen lässt, so halsig-kehlig wie möglich als Pendant zur Maske, die jedes Härchen im Griff hat und die Gesichter als verbrecherische Portraits erscheinen lässt – egal auf welcher Seite sie stehen, ob Mafia oder Cop. Elimination alles Naturalistischen aus Bewegung, Sprechduktus, Handlung, selbst Erschießungen passieren fast nur symbolisch, modellhaft (was auch einen Eindruck von Lehrbuchhaftigkeit zur Folge hat; ein eindrücklich bebildertes Mafia-Lehrbuch anahnd dieser Geschichte) hingehen ans Auto, Knarre hoch, abdrücken, in aller Ruhe abmarschieren. Den Titel erfüllend, eine schwarze Messe zelebrierend, wobei auch das schwarze Massachusettes, welches als „Mass.“ abgekürzt wird, mitschwingt.
Auch Clint Eastwoods faszinierte in Mystic River ein zwielichtiges Boston.
Ein Stück lebendig gemachte Bostoner Mafiageschichte. Oder auch: ein Protokoll in Form eines düsteren, filmischen Poesiealbums. Die poetischste Szene, die auch mit Bewegung zu tun hat, ist der Trance-Dance, der kurze, den Connolly im gut bevölkerten FBI-Büro mit Kopfhörern an den Ohren ausführt, wie das Geständnis der Italien-Mafia publik wird. Männlicher Ritualtanz nach erfolgreichem Geschäftsabschluss oder Torschuss.