The Program – Um jeden Preis

Stephen Frears erzählt hier nach einem Drehbuch von John Hodge informativ und in zügig-protokollarischer Abreißkalendermanier mit einer pointierten Auswahl signifikanter Szenen anhand der Karriere von Lance Armstrong, wie der Radsport sich mit Doping und Lügen ruiniert hat.

„Das Programm“ wurde das ausgeklügelte System des Blutdopings (Frears zeichnet das erschreckend minutiös nach) genannt, das ein italienischer Schlawiner-Doktor ersonnen und praktiziert hat, und welches raffinierterweise bei Dopingtests gerade nicht mehr nachzuweisen war (hat sich VW vielleicht davon für sein defeat switch inspirieren lassen?).

So konnte der 7-fache Tour-de-France-Sieger Lance Armstrong – diesen undankbaren Part eines miesen Charakters ohne jeden Sympathiezipfel mutet sich Ben Foster zu – mit ehrlich aufgesetzter und eingeübter Miene bei Interviews und Pressekonferenzen behaupten, er sei nie positiv getestet worden. Deswegen hat es auch so lange gedauert, bis der Betrug aufgegeflogen ist. Gerüchte hat es immer gegeben, aber der britische Journalist David Walsh konnte nie den „rauchenden Colt“ als Beweisstück auffahren. Insofern stand die Presse, die solche Verdächtigungen ausstieß, lange Zeit als Spielverderber da, ja die Zeitung von Walsh musste sogar eine erkleckliche Summe Schadenersatz für Rufschädigung bezahlen, gerichtlich verordnet.

Aber wie es mit dem Erfolg so ist, er macht narrisch, er verlangt nach mehr. Nachdem Armstrong nach dem siebten Tour-Sieg seine Karriere offiziell und unbeschadet beendet hat, juckt es ihn, reizt es ihn. Er will wieder siegen. Allerdings will er Floyd Landis, ohne den er die Siege vermutlich nicht in dieser Zahl erreicht hätte, er war der Mann, der ihn im Team am stärksten und bedingungslosesten unterstützte, Jesse Plemons spielt ihn, diesen treuen Sidekick will Armstrong bei seinem Comeback nicht mehr im Team haben, weil der inzwischen in einer Talkshow Doping zugegeben hatte.

Das enttäuscht den immer loyalen Floyd Landis maßlos, so dass er anfängt zu plaudern und alles offenzulegen. Die Eigenschaft der Treue von Landis illustriert Frears mit ein paar wenigen, klaren Bildern, Telefonate mit seinem Vater, der ihn an den Glauben erinnert und später Bilder eines Besuches von Landis in der väterlichen, ländlichen Glaubensgemeinschaft. Es gibt Horte der Ehrlichkeit.

Den Samen für den „Verrat“ von Floyd an Lance legt Frears mit einer kleinen Geschichte, kurzgetaktet erzählt, schon früher. Floyd wundert sich, dass so viele Fahrräder aus dem Fundus des Teams verschwunden sind. Er erfährt, die seien verkauft worden, um das Blutdoping zu finanzieren. Stirnrunzelnd setzt Floyd diesem Geld den aufwändigen Lebensstil, der für Lance finanziert wird, gegenüber. Eine Gleichung, die nicht aufgeht.

Auch die Mischung von nachgestellten Touraufnahmen mit den Doubles und echtem Tour-Doku-Material bewältigt Frears mit Meisterhand links.

Den Zusammenbruch von Armstrongs Lügenwelt zeigt Frears ganz ohne Schadenfreude, er bringt lediglich Armstrong im Bild, der zu allen Vorwürfen „ja“ sagt, ein umfassendes Geständnis ablegt. Das wirkt wie eine Pflichtübung, rettet allerdings imagemäßig für den Zuschauer nichts mehr: dieser Armstrong ist so eine mickrige Figur, so ein Arschloch und konnte im Fahrradzirkus munter gedeihen, und hat nun auch den ganzen Sport in den Abgrund gerissen. Wollen wir Filme über solch armseligen Arschlöcher sehen?

Auf dieser Täuschung hat Armstrong eine Riesengeschichte aufgebaut, ist sehr reich geworden, hat sich für den Kampf gegen den Krebs eingesetzt. Denn seine Geschichte besteht auch aus einem Kampf gegen den Krebs, Hodenkrebs, den er erfolgreich bekämpft hat. Vielleicht hat dies in ihm diesen unbedingten Siegerwillen noch verstärkt.

Armstrongs Heirat hackt Frears mit einer kleinen Kennenlernszene ab, Lance frägt sie, ob sie Pizza mag, sie himmelt ihn an, und schon ist Hochzeit; sich nicht mit unnötigen Details aufhalten, es geht schließlich um eine ganz große Betrugsgeschichte.

Zur Methode Frears scheint allerdings auch zu gehören, dass immer klar ist, dass es Schauspieler sind, die in einem eher theatralischen Duktus und nicht method-acting-haft die Story nachstellen, sie wird so noch deutlicher, plakativ deutlich, macht klar, was für ein Trash, was für eine anwidernde Angelegenheit der Radsport ist.

Hier bleibt nichts mehr übrig an Sympathie für den Radrennsport wie noch in Hugo Koblet – Pedaleur de Charme von Daniel von Aarburg oder in Tour du Faso von Wilm Huygen; hier bleibt nur wie mit dem Skalpell freigelegt das bucklige Skelett des kaputten Charakters des Radsports.

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