Arcade Fire „The Reflektor Tapes“

Der Filmemacher Khalil Joseph hatte die Möglichkeit, die weltberühmte kanadische Band Arcade Fire auf ihrer Tournee The Reflektor Tapes zu begleiten (Jamaica, Haiti, Los Angeles, London, New York) und hatte ungehinderten Zugang zu Backstage und den Auftritten, die vor Massenauditorien stattfanden.

Joseph hatte kein Interesse, eine der üblichen Dokus über solche Bands zu machen; er ließ sich inspirieren von deren theoretischen Position, dass sie offen seien für alles, interessiert daran, was sich mit Musik alles machen lässt (wobei so eine Rock-Band aus kommerziellen Gründen offenbar niemals auf die massenelektrisierenden Rhythmen und die Bässe verzichten kann), Kierkegaard wird einmal zitiert, wobei sich mir der genaue Zusammenhang nicht erschlossen hat.

Joseph nutzte das Material, was er geschossen hat, als Exploitation- und Experimentier-Material, stellt damit ein eigenes Filmkunstwerk her, einen aufgebauschten Musikvideoclip bestehend aus Konzertmitschnitten, ganz keck ein Song aus Mitschnitten verschiedener Konzerte ineinandergeschnitten, aus Backstageimpressionen, extrem belichteten Schwarz-Weiß-Aufnahmen besonders auf Haiti und dort vom Karneval, ferner jede Art von Überblendungen, Verfärbungen, Ineinander- und Nebeneinanderschnitt verschiedener Rahmenformate und Bildgrößen oder auch von Zeichnungen auf Glasschablonen, die er vor die Kamera hält: ein Montage-Bilderrausch kinematographischer Fantasie und Spielerei, der die geübte Dokumentarfilmerwartung kaltschnäuzig unterläuft mit rasanten Schnitten, angereichert mit wenigen Statements aus der Gruppe und kaum länger als eine Stunde. Über den ellenlangen Abspann lässt er einen einzigen Musiktitel laufen, der Konzertmoment im Film.

Der informative Wert über die Musik und die Gruppe hält sich dabei in Grenzen; vielleicht ist auch nicht mehr zu rausholen. Weil nun aber ein Film im Kino doch gut anderthalb Stunden lang sein sollte, wird nach dem Abspann ein zerredendes, geschwätziges Interview mit viel Footagedoppelung angefügt. Der Spiritus Rector der Band flankiert von seiner Frau und einem weiteren Musiker quasseln über die Dreharbeiten mit Khalil, sein Vorgehen, versuchen den Film zu erklären, der keiner Erklärung bedarf. Das ist unergiebig und wirkt wie ein Erlebniskiller.

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