Ein hinreißendes und anrührendes filmisches Portrait des pointillistischen Malers Giovanni Segantini von Christian Labhart. Er verzichtet auf der Textschiene auf Statements von Kennern, Könnern und anderen Schwätzern, er beschränkt sich auf Zitate des Malers selber, die auf einen wachen Charakter schließen lassen, sowie auf den historischen Roman von Asta Scheib über Segantini „Das Schönste, was ich sah“.
Die Dokumentation versucht in heutigen Aufnahmen früherer Wirkorte des Malers dessen hohe Empfänglichkeit für das Licht nachzuempfinden (zum Beispiel die Mailand-Impressionen), denn das Licht war es, was ihn selbst in Momenten des Schmerzes und der Trauer nicht ganz unglücklich machen konnte. Auch die Erinnerung an seine Heimat war wie das Licht der Sonne, das leuchtet.
Kunstvoll-meditativer Matineefilm, eine andachtsvolle Collage aus Natur- und historischen Aufnahmen, dem Orchester, was die Tonspur des Filmes zelebriert und aus Bildern und Zeichnungen von Segantini; dazu inszenierte Alltagsstimmungen und historische Postkartenaufnahmen.
Der Film könnte auch als ein Nachruf gelesen werden, fängt er musikalisch doch wie ein Requiem an. Dazu passt durchaus, dass Bruno Ganz die Segantini-Zitate spricht, während die Roman-Ausschnitte von Mona Petri gelesen werden.
In diesem Künstlerleben und also auch in diesem Film über dieses Künstlerleben geht es thematisch um die Unzerstörbarkeit der Kunst, um ihre Leidenschaft. Akademie: die Netzhaut des Betrachters soll die nebeneinander gesetzten Farben, kleine Punkte und Striche, verschmelzen. Sich absetzen von Leonardo, Naturalismus wie die Franzosen. Malerei zum Ausdruck der Gefühle. Melancholie. Das freie Atmen, was er suchte; Auswanderungslust, Sehnsucht nach dem unentdeckten Amerika der Kunst. Seine einfache Farbpalette.
Die Jugend von Segantini ist beschissen. Er ist der Zweit- und Letztgeborene. Mit 6 Jahren stibt seine Mutter, worunter er sehr leidet. Dieser Tod bedingt eine Verwilderung, erzeugt in ihm ein grenzenloses Gefühl von Einsamkeit. Sein Vater bringt ihn zu seiner Schwester nach Mailand. Dort haut er ab, lebt als Straßenjunge und verwahrlost dabei, „allen war es gleichgültig ob ich lebte oder nicht; aber ich wollte leben“. Mit 12 Jahren wird er von der Polizei in eine Besserungsanstalt gebracht. Dort gibt es Papier und Bleistift; mit Zeichnen kann er seinen Schmerz spontan wiedergeben. Kunstempfinden als Teil seines Ichs. Kunst, die seinen Betrachter kalt lässt, hat keine Daseinsberechtigung. Die Schmerzen der Kindheit, die ihn immer noch bedrücken, darüber muss er malen. Über allem die Erhaltung der Freiheit des Ichs. Deshalb ist er Künstler geworden, weil so keiner über
ihm steht. Die Materie muss durch den Geist bearbeitet werden, um Kunst zu werden.
Die Roadmap seines Lebens geht von den Bergen in die Großstadt nach Mailand und dann schrittweise wieder zurück in die Berge, immer höher bis Savognin und Maloja, wo er mit seiner Familie, seiner großen Liebe Bice, die ihm auch in der Einsamkeit des Malens nicht aus dem Kopf geht, und den vier Kindern ein Chalet bewohnt. Die letzten Sommer verbrachte er auf dem Schafberg in 2500 Metern Höhe.
Der Film ist eingeteilt in die Kapitel „Werden“, „die Heuernte“, „Sein“, „Frühmesse“, „Savognin“ und „Vergehen“. Mit intensivem, geistigem Input zu den Themen Mutter, Gott, Kunst und Leben. Und mit einer schön absuchenden Kamera, mit einer die Bilder streifenden Kamera. Auf der Suche nach dem Segantini-Gefühl.