Frank

Auf der interpretatorischen Ebene, und sich auf diese zu begeben, gibt diese britisch-irische Hommage an einen Außenseiter von Lenny Abrahamson nach dem Drehbuch von Ron Jonson und Peter Straughan allen Anlass, setzt der Film in britisch-stoischer Erzählkultur, die dem Gefühl genügend Raum lässt, tiefe Nachfragen nach der Kunst als Musik und Liedtext, ihrem Sinn und Stellenwert in Gang.

Gleich die erste Szene zeigt, wie ein Lied zustande kommen kann aufgrund wacher Wahrnehmung des Phänomenologischen. Der Autor, der Dichter Jon Burroughs (Domhnall Gleeson), der ein angepasster Angestellter ist, wenn auch sein Rotschopf, seine Kulleraugen vom Standardmaß leicht abweichen, steht am Meer, betrachtend. Die Bilder bringen ihm die Texte und die Fragen, das Meer, wo trägt es mich hin (diese Geschichte, wo trägt sie uns hin?). Eine Frau mit einem roten Mantel liefert weitere Bruchstücke.

Zuhause sehen wir ihn am Keyboard üben und komponieren.
Am Meer wird er Zeuge eines Zwischenfalls. Ein Mann droht, sich im Meer zu ertränken. Zwei Polizisten versuchen, ihn davon abzuhalten. Schaulustige stehen in diskreter Entfernung. Ein Mann, der neben Jon zuschaut, Don (Scot McNairy) entlässt seinem Mund die Bemerkung, es handle sich um seinen Keyboarder. Die Gruppe hätte an diesem Abend Auftritt. Jon ist das bekannt, er gibt zu verstehen, dass er Keyboarder sei.

Das ist der Anfang einer ziemlich unglaublichen Geschichte, die sich um die Titelfigur Frank (Michael Fassbender) dreht, der Spiritus Rector und Sänger der Band mit dem schier unaussprechlichen Namen (auch das wird an einer Stelle thematisiert).

Frank läuft Tag und Nacht mit einer Art Mondmann-Maske herum; allfällige Gesichtsregungen tut er verbal kund; er erinnert in der Melancholie, die er im Betrachter auslöst, an den Elefantenmenschen von David Lynch. Er ist Perfektionist, kann selbstverständlich einen zweiten Texter und Sänger neben sich nicht brauchen; vielleicht ist auch er es, der Verzweiflung in anderen Menschen säen kann. Er scheint auf öffentlichen Auftritt wenig wert zu legen; Klickzahlen im Internet können ihm irgendwohin geschossen werden.

Wegen dem Zwischenfall am Meer wird Jon praktisch über Nacht von der Band als neuer Keyboarder engagiert, der führt einen Blog, hagtasht in die Welt hinaus. Er ist glücklich, aber anfangs auch zaudernd, denn ohne Ankündigung fährt er mit der Truppe in ein einsames Haus nach Vetno in Irland, weil dort das neue Album aufgenommen werden soll. Aus dem einen Tag, den Jon erwartet hat, wird ein Jahr.

Wenn das Kino so eine ungewöhnliche Geschichte und doch so herzlich wie nüchtern erzählt, dann ist es sicher ganz nah bei sich. Die Menschen in dieser Hütte sind auf die Musik konzentriert, ein Privatleben, Affären, das gibt es nicht; Hinweise auf ein etwas verqueres Sexleben von Don, seine Schwierigkeit mit Frauen. Was nicht daran hindert, dass mehr zufällig und weil die Natur gerade darnach ist, es im Badebottich zu einer Geschlechtsverkehrsszene kommt.

Ansonsten ist das Programm musikalisch und fängt als Warm-Up mit einer Art Feldforschungs-Tonsuche an. Die Band ist pionierhaft; später wird es anlässlich der Teilnahme an einem Festival in Texas zu einer Diskussion über gefällige und massentaugliche Musik kommen; 20’000 und ein paar zerquetschte Klicks auf Youtube reichen dafür allerdings nicht aus.

Die Texte handeln vom zerbrochenen Ruder oder vom gebrochenen Flügel; auch das Thema der psychischen Erkrankung kommt ganz beiläufig immer wieder auf den Tisch; Grenzgängersituationen durch und durch; Sujet der gebrochenen, anfälligen Seelen, die in einem Geldverdienalltag, in einem geregelten Alltag deplaziert sind und daran zerbrechen; aber das kann ihnen sogar in einer solchen Gruppe passieren, die sich als geschützter Raum gibt.

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