Der Chor – Stimmen des Herzens

Hohe Knabengesangsstimmen in Chören sind ein faszinierendes, hochkulturelles Phänomen in unseren Breiten. Darüber berichtete schon die Dokumentation Die Thomaner.

Knabenchöre (oder ihre Leiter) scheinen sich nach Berühmtheit zu sehnen. Daraus bezieht dieser Film sein spannungsgebendes Potential, denn ein Knabe, der ein hohes D tirillieren kann, der ist für den Sieg beim Gesangswettbewerb und damit für den Ruhm des Chores unerlässlich.

Faszinierend am Knabenchor ist vielleicht nicht nur der extremen sinnliche Reiz, dieser Leichtigkeit, die noch an Eindrücklichkeit gewinnt, wenn sie in Melodien von Händel eingebunden ist und in einem Kirchenraum zum Besten gegeben wird. Der Reiz dieser Knabenstimmen, die wie Schmetterlinge in der Kulturlandschaft flattern, nicht ganz passender Vergleich, liegt auch in der Schwere der Umgebung, in der sie gedeihen. Liegt in der Schwere der Institutionen, die solche Sängerknaben erziehen und zu gesanglichen Höchstleistungen antreiben, das war schon bei den Thomanern so.

Und so ist es auch in diesem Film von Francois Girard nach dem Drehbuch von Ben Ripley. Die Institution ist düster, ausgestattet mit schweren dunklen Möbeln, das Lehrerkorps ist steif und schwerfällig, festgefahren mit unterschiedlichen Lehrmethoden, parteiisch und wirkt so noch dumpfer im Gegensatz zu den leichten Knabenstimmen, wie knorriges Wurzelwerk, aus dem Orchideen entspringen sollen.

Ein weiterer, höchst exquisiter Reiz liegt darin, dass die Natur diese Begabung, die sie Knaben gibt, bald schon kassiert, ganz übel mit dem Stimmbruch. Dass also keiner eine Erwachsenen-Karriere damit planen und bestreiten kann. Das hat mich schon bei den Thomanern gewundert, was aus den ehemaligen Sängern geworden ist. Ganz sparsam sind auch einige Informationen rübergekommen.

Francois Girard erzählt hier mit einem Hang zum Schwülstigen von der die Faszination durch solche Knabenstimmen nach einem Buch von Ben Ripley, das trieft vor Rührpotential, als ob Felsen zum Weinen gebracht werden sollen. Stet, so heißt der Hauptknabe in diesem Film, ist das Produkt eines Seitensprunges eines Prominenten. Seine Mutter ist drogenabhängig, nicht erziehungsfähig, er selbst gilt als schwer erziehbar. Er kann sich an keine Regeln halten. Aber er hat die seltene Begabung einer wunderschönen Knabenstimme und ist musikalisch dazu.

Frau Steel, Debra Winger, eine Lehrerin an seiner Schule, erkennt diese Chance im Leben von Stet. Denn mit seiner Sonderbegabung könnte er eventuell ans Internat des amerikanischen Bubenchores wechseln. Das wird nicht glatt vor sich gehen. Zu diesem Glücksziel baut das Buch Hindernisse ein: ein verpatztes Vorsingen. Der Leiter der Schule, eine stoischer Dustin Hoffman, sieht zwar die Begabung, aber er kann die Disziplinlosigkeit nicht akzeptieren. Andererseits steckt Hoffman in der Bredouille. Sein Chor ist einfach nicht so gut, wie er möchte, er stinkt gegen die Wiener Sängerknaben ab. In so einem Fall ist ein Vater, der immerhin zu seinem geheimen, illegitimen Sohn steht und der genügend Geld hat, hilfreich. Er bringt den Sohn eigenhändig mit einem großzügigen Scheck am Institut unter.

Zum höheren Glanz der Helle der hellen Stimmen malt der Film dagegen auch die dunklen Seiten einer solchen Institution: Rivalitäten im Lehrkörper, der Lehrer, der nur auf das Abtreten des Chefs wartet, die Chefin, die sich gelegentlich woandershin wünscht. Und auch die bitterböse Konkurrenz unter den Stars des Ensembles, die vor dreckigen Gemeinheiten nicht zurückschrecken.

Ein Blondschopf ist die Nummer eins. Er wird sich richtig mies benehmen, wie Stet sich nach vorne arbeitet, der anfangs nicht mal Noten lesen kann. Die Händel hinter Händel bilden den dunklen, dicken Begleitakkord hinter dem grandiosen Händel-Schlusskonzert, was das Happy-End einleitet.

Der Titel des Filmes erzählt sicher nichts über die Stimmen, charakterisiert sie nicht, er kündigt vielmehr mit dem Zusatz „Stimmen des Herzens“ an, dass er eine Rührgeschichte im Sinn hat – und das recht schematisch und gründlich.

Ein anderer, neuerer Film, der sich mit mit pointierter These statt mit Rührstory mit der Musikpädagogik befasst: Whiplash.

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