Anni Felici – Barfuß durchs Leben

Hochsensibles, nahes Potrait des Künstlers als eines Buben, der im Rom von 1974 in den Widersprüchlichkeiten einer modern sein wollenden Künstlerfamilie aufwächst und in dieser präpubertären Zeit seine erste Super-8-Kamera erhält.

Dario heißt der Bub, aus dessen Sicht diese Zeit und ihre Konflikte geschildert werden. Der Film könnte in das Genre künstlerischer Selbstportraits eingeordnet werden. Nie haben die Buben, Dario hat noch einen kleineren Bruder, den Vater Guido, Kim Rossi Stuart, Vater genannt, und auch die Mutter Serena, Micaela Ramazzotti, nie Mama.

Vater ist Künstler, bildender Künstler, der im Trend sein will, der von der großen Ausstellung in Mailand träumt. Richtig erfolgreich ist er nicht. Er hat es mit den Frauen als Models, denen er in Performances Ganzkörperbemalung angedeihen lässt oder von denen er Ganzkörperabdrücke in Gips zur Herstellung von Skulpturen macht. Er nascht auch privat an seinen Models, das hat für ihn nichts mit Liebe zu tun, wird er später seiner Frau sagen, „Picasso hatte drei Frauen“, das scheint ihm ganz normales künstlerisches Privileg zu sein, denn Bett muss nicht gleich Liebe sein.

Wie Serena dahinterkommt, verreist sie mit den beiden Buben und der Galeristin Helke, gespielt von Martina Frederike Gedeck, in die Camargue in ein Feministinnencamp (Thema: Befreiung der Frau und Emanzipation) und entdeckt die Liebe zu dieser.

Das gibt wiederum dem Künstlergatten zu schaffen, der sich doch so frei, so offen, so emanzipiert fühlt – auf seine Weise. Das führt später zu einer richtig ulkigen Szene, wie er, offenbar nur aus Prinzip und gegen jede Neigung oder gegen jedes Gefühl, einen Kollegen küssen möchte.

Die Kinder bekommen alles mit, sie wachsen mit der Kunst auf, mit den nackten Models, sie erleben die Performance in Mailand, von der sich Guido so viel verspricht. Dort betritt Guido nackt den Ausstellungsraum, begleitet von mehreren nackten Models. Erst bemalen sie ihn, dann macht er ein großes Brimborium daraus, ihnen mit Farbe und mit seinen Händen auf den Brustbeinen seinen Stempel aufzudrücken.

Es folgt der provokante Satz ins Publikum, dass er sieben Frauen suche, die sich spontan ausziehen und von ihm auch den Farbstempel aufdrücken lassen wollen. Erwartungsgemäß traut sich niemand; aber gegen die Verabredung ist Serena mit den zwei Buben gekommen und lässt sich stempeln. Das irritiert Guido und der Satz kommt etwas verwittert daher, dass er jetzt noch sechs Frauen suche, die es ebenso tun würden.

Das Presse-Echo auf seine Aktion ist wenig schmeichelhaft, der Kunstkritiker bewundert Guido in seiner Konsistenz – in seiner Konsistenz der Banalität. Guido verschweigt die niederschmetternde Kritik seiner Frau und ist bedrückt.

Daniele Luchetti, der mit Sandro Petraglia, Stefano Rulli und Caterina Venturini auch das Buch geschrieben hat, hat für die beiden Söhne zwei großartige Buben gecastet, vor allem hat er sie mit großen Augen wachsam inszeniert. Dario spielt einmal Schneewittchen und die Mädchen versuchen dieses wachzuküssen, zarte Ahnung von Liebe, die in seinen Träumen schon viel heftigere Ausmaße annimmt.

Lucchettis Film kommt daher wie ein ganz persönlicher Bericht, obwohl das Biographische nur Substrat und nicht Subjekt ist. Luchetti ist immer nah an den Figuren, sie reden nie zu laut, wenn nicht gerade einmal einem die Nerven durchgehen; sie sind immer glaubwürdig; der Film wirkt wie ein dokumentarischer Bericht, gerade auch durch die Mischung von Super-8 und Zelluloid – mehr ist von Fiktion kaum zu erwarten.

Deutlich wird auch die zwiespältige Situation der Buben zwischen ihrem Anspruch an Vater- und Mutterliebe, an Anerkennung (erst am Schluss wird Dario nach einer traumhaft schönen Unterwasserszene sagen, endlich habe sein Vater ihn wahrgenommen) und künstlerischer Selbstverwirklichung, die sich, wenn überhaupt, dann nur schwer mit dem Familieninteresse decken kann; eine Prägung der Buben im Sinne der Unmöglichkeit, der sich auch in einem Wutausbruch des Buben in aller Öffentlichkeit entladen kann, indem er die Eltern anschreit, sie seien Arschlöcher. Bei aller dieser Härte wirkt der Film wie hingehaucht auf die Leinwand mit ganz zartem, fühligem Pinsel.

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